Lügenpresse oder verzweifelte Presse?

Die westlichen Länder mit den USA als führendes Land sind die Bösen und die östlichen Länder inklusive Russland sind die Guten. Unsere Medien stecken mit den USA unter einer Decke und sind damit als ‘Lügenpresse’ zu bezeichnen. Dabei geht es um Macht und die Unterdrückung von potentiellen Störern dieser Macht. Mit diesen drei Sätzen glauben manche Menschen, die komplette Weltordnung beschreiben zu können. Dies lässt den Verdacht zu, dass sie nicht zum kritischen und differenzierten Denken fähig sind. Sie teilen die Welt in schwarz und weiß ein und machen damit dasselbe, was sie der ‚Lügenpresse‘ vorwerfen. Doch allein die Beurteilung der ‚bösen Medien‘ zeigt schon, dass sie 1.) die Komplexität politischer und wirtschaftlicher Systeme unterschätzen und 2.) gar nicht so recht wissen, wie Medien funktionieren. Sie kritisieren nämlich Dinge an den Medien, die auf der Hand liegen und überhaupt kein Skandal sind. Dazu später mehr.
Es gibt viele pragmatische und damit praktische Gründe, aus denen Journalisten nicht immer perfekt nach den journalistischen Tugenden (unabhängig, hinterfragend, reflektiert, neutral, kritisch) arbeiten können. Folgende Varianten findet man in unserem Land:
1. Der gute Journalist:
Er arbeitet vorbildlich und hält die journalistischen Tugenden ein.
2. Der verzweifelte Journalist:
Er versucht, sich an die journalistischen Tugenden zu halten, was ihm nicht immer gelingt. Nicht aus Bosheit oder Kalkül. Die journalistische Arbeit hat sich in den letzten Jahren verändert. Durch das Internet und Smartphones kann jeder zu jeder Zeit Informationen im Web veröffentlichen und abrufen. Auf Ereignisse in der Welt kann man daher viel schneller reagieren als früher. Die Bürger unseres Landes nutzen diese Technologie. Sie glauben, immer auf dem neusten Stand sein zu müssen. Die Medien reagieren auf dieses Bedürfnis und veröffentlichen ihre neusten Meldungen schneller. Manchmal leidet unter diesen schnellen Veröffentlichungen die gründliche Recherche. So bleiben Hintergrundinformationen oftmals auf der Strecke, während Mutmaßungen zunehmen und eine gewissenhafte Einordnung seltener gelingt (nicht aus Kalkül, sondern weil mit weniger Hintergrundwissen sinnvolle Einordnungen nicht möglich sind).
Doch warum bedienen Journalisten das unvernünftige Bedürfnis der Bürger nach immer schnelleren Eilmeldungen ohne gründliche Recherche? – Nicht weil sie den Willen der USA erfüllen, sondern weil ihnen nichts anderes übrig bleibt. Würde sich ein Medienhaus Zeit für gründliche Recherchen nehmen und entsprechend mit der Veröffentlichung von Nachrichten warten, würden sich die Deutschen ihre Informationen bei anderen Medienhäusern holen. Die Folge: Das tugendhafte Medienhaus verliert an Auflagen und damit Einnahmen. Mitarbeiter können nicht mehr bezahlt werden und im schlimmsten Fall muss die Redaktion geschlossen werden. Viele Arbeitsplätze gehen verloren. In der Zeitungsbranche hat das Sterben der Redaktionen bereits begonnen (siehe z.B.: DerWesten). Ob gewollt oder nicht: um konkurrenzfähig zu bleiben, müssen die Medien um die Aufmerksamkeit der Konsumenten kämpfen – mit beeindruckenden Bildern, schockierenden Schlagzeilen und den aktuellsten Newstickern.
Um Geld zu verdienen sind viele Medien – auch die öffentlich Rechtlichen – auf Werbung angewiesen. Es versteht sich von selbst, dass Werbung der Objektivität schaden kann. Ob dies oft geschieht, vermag ich an dieser Stelle nicht zu beurteilen. Auf die bloße Möglichkeit muss ich aber der Vollständigkeit halber hinweisen.

©Joachim Kirchner/pixelio.de
©Joachim Kirchner/pixelio.de

Ein weiterer Aspekt, der völlig selbstverständlich ist, den aber Medienkritiker als riesigen Skandal bezeichnen, ist die Auswahl der Themen in den Nachrichten. Doch es ist völlig offensichtlich, selbstverständlich und normal, dass die Nachrichten niemals ein Gesamtbild der Nachrichtenlage der Welt liefern können. Sowohl die Sendezeit, als auch die Aufmerksamkeit der Konsumenten ist zeitlich beschränkt. Alle Themen können niemals angesprochen werden. Nachrichten müssen daher immer bloß eine Auswahl und damit automatisch – ohne dass man es möchte – wertend sein. Und darüber, welche Meldungen es aber unbedingt in die Nachrichten schaffen müssen und welche nicht, gibt es genauso viele unterschiedliche Meinungen, wie es Konsumenten gibt. Jedem halbwegs vernünftig denkenden Menschen muss diese Tatsache immer klar sein. Wer die Medien aus diesem Grund als ‚Lügenpresse‘ beschimpft, verkennt schlichtweg die Möglichkeiten und den eigentlichen Sinn der Medien. Jeder Konsument der Medien hat die Pflicht – oder wäre zumindest gut damit beraten – sich der Tatsache regelmäßig bewusst zu werden, dass ihm kein vollständiges Weltbild nach Hause oder aufs Smartphone gesendet werden kann. Er muss dies bei seiner eigenen Meinungsbildung berücksichtigen, um kein unnötig verzerrtes Weltbild zu erhalten. Wer Medien konsumiert, muss eigenverantwortlich handeln und wissen, wie die Nachrichten zustande kommen. Wer seinen Mitbürgern in Bezug auf die Medien „wacht auf!“ zuruft, hat wohl selbst jahrelang geschlafen und nicht begriffen, dass der Konsum von Nachrichten nicht das selbstständige Denken ersetzen soll und kann.
3. Der böse Journalist:
Er möchte nicht bloß wettbewerbsfähig bleiben und irgendwie im Dschungel der Medienlandschaft überleben, sondern hat hochgesteckte politische und/oder wirtschaftliche Interessen. Um diese zu erreichen, missbraucht er seine Macht als Journalist. Er ist gewissenlos, will sich profilieren und um jeden Preis die beste Story veröffentlichen. Selbstverständlich gibt es auch diese Journalisten. Sie sind aber nicht die Regel. Die meisten Journalisten dürften wohl unter Punkt 2 zu finden sein.

Selbst der beste und tugendhafteste Journalist kann nur über das berichten, was er erlebt oder gesagt bekommt. Wenn man aber den Journalisten auf hinterhältige Weise täuscht, kann man ihn wohl kaum für manipulierende Berichterstattungen verantwortlich machen. Die Liste muss also noch weiter fortgesetzt werden:
4. Der gute Politiker:
Er handelt im Interesse des Volkes und der Umwelt. Er wehrt sich gegen Korruption und spielt das schmutzige Spiel um Geld und Macht nicht mit.
5. Der realistische Politiker:
Er versucht im Interesse des Volkes und der Umwelt zu handeln, scheitert aber daran, dass manche guten Ziele nicht gleichzeitig miteinander vereinbar sind (z.B. die optimale Förderung der Automobilindustrie und die optimale Förderung des Umweltschutzes – um mal ein ganz aktuelles Paradoxon zu nennen). Er wird von Wirtschaftsbossen und anderen Politikern unter Druck gesetzt und ggf. sogar bedroht. Um sich trotzdem für eine halbwegs akzeptable Politik einzusetzen, muss er Kompromisse eingehen, die nicht immer im Interesse des Volkes sind. Entsprechend kann er Journalisten nicht immer die volle Wahrheit erzählen. Vielmehr nutzt er die Berichterstattung für sich und seine Ziele.
6. Der böse Politiker:
Er ist an Macht und Geld interessiert. Ihm geht es gar nicht um die Interessen des Volkes oder der Umwelt, sondern allein um seine eigenen Ziele. Um diese Ziele zu erreichen, manipuliert er die Berichterstattung und lenkt die Aufmerksamkeit der Medien für seine Zwecke in die Irre. Manchmal kommt ein solches Verhalten ans Tageslicht. Oft gehen Journalisten dem Politiker aber ungewollt und unbemerkt auf den Leim.

©Lupo/pixelio.de
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Die ersten drei Punkte und die letzten drei Punkte kann man nun beliebig miteinander kombinieren (1 und 4; 1 und 6; 2 und 5; etc.). Und schon wird ersichtlich, warum die Medien manchmal ein Glaubwürdigkeitsproblem haben. Es wurde aber hoffentlich auch ersichtlich, dass es zu einfach und naiv ist, sie bloß als ‚Lügenpresse‘ zu verurteilen. Das Problem ist viel komplizierter. Der wirtschaftliche Druck; die fehlende Zeit für Recherchen; das Bedürfnis der Konsumenten, alle Nachrichten möglichst in Echtzeit und trotzdem perfekt recherchiert zu erhalten; die Täuschungen seitens der Wirtschaft und Politik sowie der Druck, möglichst alle Nachrichten abbilden zu müssen, machen die Medien zwangsläufig zum Verlierer. Und zwar, weil es Menschen gibt, die glauben, dass die Medien all diese Bedingungen erfüllen könnten. Dies ist allerdings eine Illusion. Wer dies erkennt, wird Medien nicht länger als ‚Lügenpresse‘ bezeichnen. Er wird erkennen, dass Medien niemals den Anspruch hatten, einem das kritische Hinterfragen und selbstständige Denken abzunehmen. Es gibt also diesbezüglich keinen Grund, sich zu beschweren. Auf inhaltliche Fehler aufmerksam machen sollte man die Medien natürlich weiterhin – sofern man selbst sichere und seriöse Quellen anführen kann.