Gegen schwere Waffenlieferungen

Nur (m)eine Meinung # 45 – Gegen schwere Waffenlieferungen

Mit einem offenen Brief haben sich viele prominente Persönlichkeiten an Bundeskanzler Scholz gewandt. Darunter der Philosoph Jürgen Habermas, Kabarettist Dieter Nuhr und Frauenrechtlerin Alice Schwarzer. Sie fordern die Regierung auf, keine schweren Waffen an die Ukraine zu liefern. Die Lieferung schwerer Waffen könne Putin als Kriegseintritt der Nato werten und den Anlass für einen dritten Weltkrieg liefern. Sinngemäß wird in dem offenen Brief zum Ausdruck gebracht, dass die Ukraine zwar das Recht habe, sich gegen den Aggressor zu wehren. Der Auslöser einer Eskalation wäre hingegen Deutschland, wenn es schwere Waffen liefert und Putin damit einen Grund für einen Krieg gegen den ganzen Westen liefere. Die Lieferung schwerer Waffen würde auch das Leid der ukrainischen Zivilbevölkerung erhöhen.

Aus den deutschen Medien und natürlich aus der Ukraine hagelte es Protest. Die Forderung nach einem Stopp schwerer Waffen wurde als naiv und weltfremd verurteilt. Hetzer in den sozialen Netzwerken verunglimpfen die Unterzeichner sogar als Putin-Freunde

Nichts davon trifft zu. Deutschland und die NATO helfen der Ukraine bereits seit Beginn des Krieges auf mannigfaltige Weise – mit Ausrüstung, Geld, leichteren Waffen und der Aufnahme ukrainischer Flüchtlinge. Im offenen Brief wird der Angriffskrieg zudem klar und scharf verurteilt.

schoelper offener Brief
©schoelper/pixabay.com

Russlands Präsident hat in den letzten Monaten eindrucksvoll bewiesen, dass er für rationale Argumente nicht mehr zugänglich ist. Insofern ist die Befürchtung durchaus realistisch, dass Putin die Lieferung schwerer Waffen als Vorwand für weitere Eskalationen nutzen wird. Ob Putin so dumm ist, auch Atomwaffen einzusetzen, die auch Russland in Mitleidenschaft ziehen würden, darf bezweifelt, aber nicht ausgeschlossen werden. Aber auch ein ohne Atomwaffen geführter Weltkrieg wäre verheerend. Ein solches Szenario wendet man am besten ab, indem man erst keinen Vorwand liefert. Dies ist eine taktische Haltung, die zum Ziel hat, die Zahl der Toten und Verletzen so gering wie möglich zu halten.

Es ist absolut nachvollziehbar, dass die Ukraine dieses Argument nicht teilt und die Bevölkerung womöglich lieber stirbt als sein eigenes Land aufzugeben. Doch auch wenn es herzlos klingen mag, so hat Deutschland eine Verantwortung nicht nur für das ukrainische, sondern für das ganze europäische Volk. Dieser Verantwortung wird man nicht gerecht, wenn man aus Freundschaft und Solidarität – von seinen Emotionen und Mitgefühl benebelt – den Vorwand für einen dritten Weltkrieg liefert, den Russland dann auch nutzt.

Die Ukraine wird voraussichtlich von Russland besiegt werden – in dem Sinne, das Russland seine Ziele erreichen wird. Ohne die schweren Waffen aus Deutschland und anderen Ländern wird dies schneller gehen. Diese Prognose ist nicht im Geringsten das, was ich mir wünsche. Es ist beklemmend, macht wütend und ohnmächtig. Zu glauben, dass die schweren Waffen daran etwas ändern – DAS wäre naiv und weltfremd. Es mag herzlos klingen. Aber ich bevorzuge unter diesen Umständen dann lieber den Weg mit der geringeren Zahl an Toten und Verletzten.