Wie Digitalisierung uns verändert

Vor Kurzem endete die Versteigerung des neuen Mobilfunkstandards 5G. Sobald sich diese Technologie in einigen Jahren tatsächlich als Standard in Deutschland etabliert haben wird, werden wir einen Quantensprung der Digitalisierung erleben. Der Begriff „Highspeed-Internet“ wird eine völlig neue Bedeutung bekommen. Mit 5G werden selbstfahrende Autos ermöglicht. Auch sehr komplexe Industrieprozesse können digital gesteuert werden. Unser Leben wird sich verändern. Eine bahnbrechende Technologie hat schon immer unser Leben und unsere Gesellschaft verändert. Seit der Erfindung der Uhr drücken wir die Zeit in Zahlen aus und planen viel eng getakteter unser Leben. Vor der Uhr blieb man mit Angaben wie beispielsweise „in der Mittagszeit“ oder „bei Einbruch der Dämmerung“ im Ungefähren. Der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar beschreibt in seinem Buch „Nächste Ausfahrt Zukunft. Geschichten aus einer Welt im Wandel“, wie das Erkennen kausaler Zusammenhänge vor mehreren hundert Jahren erst die Wissenschaft und schließlich unser aller Denken veränderte. Kausalität sei der Ausdruck von tieferer Erkenntnis, doch manchmal reiche bereits die Korrelation, um ein Problem zu lösen. Auf diese Weise gehen auch künstliche Intelligenzen und programmierte Algorithmen vor – z. B. auf Dating-Plattformen, die uns aufgrund der Daten, die wir eingeben, den Partner vorschlagen, der am besten zu uns passt. Vorlieben und Abneigungen korrelieren miteinander und sorgen je nach Ausprägung dafür, dass jemand besonders gut oder besonders schlecht zu uns passt. Yogeshwar schreibt dazu: „Die Einzigartigkeit einer Beziehung wird graduell ersetzt durch eine Logik der Vergleichbarkeit: Statt das Ganze zu betrachten, beginnt eine Evaluierung einzelner Eigenschaften und Qualitäten. […] Menschliche Beziehungen verlieren ihren organischen Zusammenhalt und werden bewertet wie die features bei der Konfiguration eines neuen Autos.“[1] In allen möglichen und unmöglichen Lebensbereichen bewerten wir Aspekte unseres Körpers und Verhaltens mit Hilfe von Zahlen und Daten – immer unterstützt von Apps und Algorithmen, die diese Zahlen erfassen und ggf. für uns auswerten. Wir betrachten uns nicht im Spiegel, um unseren körperlichen Zustand zu bewerten, sondern auf die Zahlen, die uns die Fitness-App anzeigt. Wir überlegen nicht mithilfe unseres gesunden Menschenverstandes, ob wir mal wieder eine Runde joggen gehen sollten – indem wir überlegen, wie sehr wir uns heute schon bewegt haben – sondern wir checken den Schrittzähler unserer App. Wir gucken uns nicht den Himmel an, um zu entscheiden, ob wir den Regenschirm brauchen werden, sondern benutzen die Wetter-App. Wir orientieren uns nicht mehr selbst, sondern nutzen die Navigation-App. Und schließlich kaufen wir uns die neue Hose nicht, weil wir sie uns selbst aktiv herausgesucht haben, sondern weil sie uns bereits als Empfehlung im Onlineshop unseres Vertrauens angepriesen wurde. Ich teile den Eindruck, den auch Yogeshwar in seinem Buch beschreibt: was nicht digital erfasst und online gespeichert wird, scheint ohnehin nicht Teil der Realität zu sein. Vor Kurzem war ich in Dortmund auf einem Konzert. Viele Menschen um mich herum haben nicht einfach die Show genossen, sind in die Stimmung eingetaucht und haben gefeiert. Sie haben den Moment mit dem Smartphone festgehalten und damit einen unvergesslichen Moment an sich vorbeiziehen lassen, den man nur beim ersten Mal live fühlen und nicht im Nachgang durch das Betrachten der Fotos und Videos auf dem Bildschirm in gleicher Intensität aufflammen lassen kann. Schade!

© gerald/pixabay.com
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Die Wenigsten hinterfragen ihr Verhalten. Sie nutzen ihr Smartphone und die sozialen Medien mit einer angeborenen Selbstverständlichkeit – besonders all jene, die tatsächlich mit dieser Technologie aufgewachsen sind. Damit machen sie sich abhängig von ihren Geräten und verlernen die Fähigkeit, eigene und unabhängige Entscheidungen zu treffen, die nicht im wahrsten Sinne vorprogrammiert sind. Dabei haben wir jederzeit die Möglichkeit, unser Verhalten zu ändern. Wir können das Handy beim Konzert einfach durchgängig in der Tasche lassen und uns stattdessen später den (qualitativ um Welten hochwertigeren!) offiziellen Konzertmitschnitt kaufen. Wir können unser potenzielles Date wirklich zu einem Date werden lassen und es selbstständig kennenlernen, anstatt es innerhalb einer Sekunde oberflächlich nach links zu wischen oder dem Algorithmus die Entscheidung zu überlassen. Wir können Alexa so wie jeden anderen Verkäufer behandeln und ihn nicht in unsere Wohnung lassen. Wir müssen dafür lediglich unseren Verstand benutzen und uns nicht von der vermeintlichen Bequemlichkeit solcher Apps und Geräte blenden lassen. Wir müssen erwachsen werden. Die Zeit, in der wir die Soft- und Hardware wie Spielzeuge angesehen und bewusstlos damit gespielt haben, muss vorbei sein. Grundsätzlich spreche ich mich gegen keine dieser neuen Möglichkeiten aus, denn sie bietet uns allen großartige Chancen. Wir müssen sie aber reflektiert verwenden und den großen Unternehmen wie Amazon, Google und Facebook bestimmte rechtliche Beschränkungen auferlegen. Denn all diese Unternehmen wollen nicht unseren Alltag erleichtern und das Leben besser machen. Sie wollen Geld mit unseren Daten verdienen und uns zu diesem Zweck an ihre Technologien binden. Die kapitalistischen Eigeninteressen der Tech-Riesen müssen wir uns bei der Nutzung dieser Technologien vor Augen und uns nicht in Versuchung führen lassen.


[1] Ranga Yogeshwar: Nächste Ausfahrt Zukunft. Geschichten aus einer Welt im Wandel, Köln 2019, Seite 186.