Strategiewechsel im Kampf gegen rechts

Ich bin nie ein Freund von Demonstrationen gewesen. Aus diesem Grund habe ich bislang auch erst an zwei Demonstrationen teilgenommen. Vor zehn Jahren nahm ich mit 18 Jahren an der CSD-Parade in Köln teil, bis mir klar wurde, dass diese Veranstaltung mehr schadet als nützt. Die andere Demo war eine Gegendemonstration gegen Rechtsradikale in Dortmund im Jahr 2014. Auch dort fragte ich mich im Anschluss selbst nach dem tieferen Sinn dahinter. Rechtsradikale werde ich mit meinem Protest nicht bekehren können. Alle anderen werden auch ohne die Gegendemo ihre Stimme keiner rechten Partei geben.

Aufmärsche und Gegenkundgebungen haben eine Sache gemeinsam: mit simplen Parolen wird die eigene Weltanschauung skandiert, ohne dabei sonderlich überzeugend zu sein. Denn überzeugend kann man nur in einem argumentativen Dialog sein. Dies erfordert mindestens zwei Personen mit unterschiedlichen Anschauungen, die sich argumentativ austauschen. Das klingt trivial – ist es aber heutzutage leider nicht.

Laut der letzten Sonntagsfrage von infratest dimap vom 21.09.18 ist die AfD bundesweit mit 18% mittlerweile die zweitstärkste Partei vor der SPD.[1] Dieser Umstand und die jüngsten Ereignisse in Chemnitz beunruhigen mich zunehmend. Denn mittlerweile lässt sich eine besorgniserregende Entwicklung erkennen. Eine immer größere Anzahl von Menschen in diesem Land wendet sich von den Werten einer freiheitlich demokratischen Grundordnung ab und bevorzugt eine Politik, in der fremdartige Menschen abgelehnt werden. Diese Ablehnung äußert sich zunehmend auf eine Art und Weise, die von Verfechtern unseres Grundgesetzes nicht mehr hinnehmbar sein kann. Hetzjagden, verbale und körperliche Gewalt sowie Versuche, andere Meinungen zu unterdrücken, werden zunehmend als Mittel zum Zweck eingesetzt. Wenn sich dieser Trend fortsetzt, wird sich irgendwann derjenige durchsetzen, der am lautesten schreit und im animalischen Sinne der Stärkere ist. Mit der Berücksichtigung von Tatsachen, dem Abwägen und einem argumentativen Diskurs wird sich dann künftig keine Schlacht mehr schlagen lassen. Diejenigen, die aktuell mit #wirsindmehr dagegenhalten, werden dann nicht mehr lange in der Mehrheit sein.

Frank Walter Steinmeier

Daher bin ich fast so weit, doch wieder eine Demonstration zu besuchen und mich gegen ein rechtes Weltbild zu positionieren. Doch direkt meldet sich wieder meine innere Stimme und weist mich darauf hin, dass Demonstrationen rechtes Gedankengut nicht besiegen können. Diese Erkenntnis ist essentiell, wenn man effektiv gegen rechtes Gedankengut vorgehen möchte. In einem nächsten Schritt gilt es nun, effektivere Maßnahmen zu ersinnen. Dies vermisse ich seit Jahren von den selbsternannten Kämpfern für Vielfalt und Toleranz.

Warum hat sich die #wirsindmehr-Bewegung beispielsweise nicht aktiv für die Aktion „Deutschland spricht“ von „ZEIT online“ unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier eingesetzt? Das Konzept ist einfach wie genial: jeweils zwei Menschen mit unterschiedlichen gesellschaftlichen und politischen Ansichten unterhalten sich in einem Gespräch unter vier Augen miteinander und tauschen sich aus. Im besten Fall findet man Gemeinsamkeiten oder zumindest ein gewisses Verständnis für die Haltung des jeweils anderen. Leider ist diese Aktion nicht ansatzweise so wahrgenommen worden, wie das längst verhallte Konzert in Chemnitz.

Wenn wir nicht endlich wieder zu einem konstruktiven Diskurs mit Argumenten auf Augenhöhe zurückfinden, werden wir den Kampf gegen rechtes Gedankengut auf lange Sicht verlieren. Hass kann nämlich lauter schreien!

Zur Eröffnungsrede des Bundespräsidenten: https://www.zeit.de/politik/deutschland/2018-09/frank-walter-steinmeier-deutschland-spricht


[1] https://www.infratest-dimap.de/umfragen-analysen/bundesweit/sonntagsfrage/ [zuletzt abgerufen am 24.09.18]