Glaube und Religion – Teil 2

Jeder Mensch glaubt
Eine Religion kann man sich ohne den Glauben kaum vorstellen. Denn der Glaube an Gott (um mal bei klassischen Religionen zu bleiben) ist die Grundlage der Religionen. Was macht es für einen Sinn, die Bibel zu lesen, Richtung Mekka zu beten oder die Kippa zu tragen, wenn man nicht an die Existenz Gottes glaubt, aus der sich letztlich alle religiösen Regeln vermeidlich ableiten lassen? Schließlich gehen religiöse Menschen davon aus, dass eine wechselseitige Passensrichtung zwischen ihnen und Gott existiert. Der Gehalt ihrer religiösen Praktiken ist intentional auf Gott gerichtet. Religiöse Menschen versprechen sich davon die Erfüllung ihrer Wünsche und Hoffnungen wie die Vergebung ihrer Sünden und die Aufnahme ins Himmelsreich. Gleichzeitig glauben sie, dass Gott intentional auf sie gerichtet ist und ihnen bei Befolgung „seiner“ Regeln ihre Wünsche erfüllt. Gott wird dabei augenscheinlich als gegeben vorausgesetzt. Religion ohne Glauben funktioniert also nicht.

Wie ist es aber andersrum? Gibt es den Glauben auch losgelöst von der Religion? Wenn man unserer Alltagssprache Glauben schenken darf, dann ja. Wir alle kennen sicherlich Sätze wie: „Ich glaube, der Laden hat schon zu“ oder „Ich glaube, dass ihr dein Geschenk sehr gefallen wird“.
Doch wie Erich Fromm bin ich der Auffassung, dass es besser wäre zu sagen, mein sei im Glauben, als man habe Glauben. Der Glaube entsteht durch eigene Erfahrungen und Menschenkenntnisse. Wenn man sich über bestimmte Eigenschaften von etwas oder jemandem sicher ist, glaubt man zum Beispiel auch an den sicheren Flug, den ein Flugzeug bietet oder an ihr Gefallen an deinem Geschenk. Verhaltensmuster oder Eigenschaften können nicht bewiesen werden bzw. zu einem allgemeinen Gesetz erhoben werden. Jedoch können Kenntnisse und Erfahrungen einen Menschen eine hohe „Richtigkeitsquote“ in ihrem Glauben erreichen lassen.
Der Glaube scheint also ein Zustand zu sein, in dem sich ein Mensch befindet oder auch nicht befindet. Man besitzt ihn nicht im materiellen Sinne, sondern man hat ihn im mentalen Sinne – und zwar nicht nur in Bezug auf Religion, sondern grundsätzlich.

Zum Schluss möchte ich noch ein paar normative Aussagen treffen:
Viele Menschen verwechseln den Glauben mit der Religion, eben weil die Religion ohne den Glauben nicht vorstellbar zu sein scheint. Wenn diese Menschen zum Ausdruck bringen wollen, dass sie nicht religiös sind, dann sagen sie manchmal: „ich glaube nicht!“. Der Begriff „glaube“ wird dann im religiösen Sinne verwendet. Menschen, die eine sehr ablehnende Haltung gegenüber Gott im Allgemeinen und der Religion im Speziellen haben, sagen gerne: „Ich glaube an nichts“. Auch dieser Ausdruck bezieht sich nur auf den religiösen Kontext und ist streng genommen so falsch wie der erste Satz. Auch wenn sich die Religion nicht ohne den Glauben denken lässt, so lässt sich umgekehrt der Glaube in jedem Falle ohne die Religion denken.
Wer also über den Glauben spricht, sollte sich klar machen, wovon er überhaupt redet.

2 Kommentare

  1. “Zum Schluss möchte ich noch ein paar normative Aussagen treffen:”
    – Dann könntest du im dritten Teil ja auf auf die Verbindung zwischen “Glauben” und “Moral” eingehen oder diese Verbindung als einen eigenständigen Beitrag veröffentlichen. 😉 Dabei könntest du dann überlegen welche Auswirkungen es haben kann, wenn die Moral nicht an eine religiöse Meinung geknüpft ist. Hier ein paar Fragen, die dazu untersuchen könntest:

    Gibt es eine Moral ohne den Glauben bzw. Glauben an Gott?
    Welche Auswirkungen gibt es dadurch für unsere Gesellschaft und Justiz?
    Wie funktioniert die Verbindung zwischen Glauben an Gott und der Moral?
    Gibt es Variationen der “Verbindungsarten” zwischen Glauben an Gott und der Moral?

    • Vielen Dank für deine Anregungen! 🙂
      Eigentlich sollte der Artikel nur ein Zweiteiler bleiben. Mehr als das Geschriebene wollte ich gar nicht sagen.
      Aber deine Vorschläge sind gute Gedankenanstöße. Vielleicht greife ich sie in Zukunft auf. Vorerst jedoch nicht, damit die Themen abwechslungsreicher sind.

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