Böse Worte

Tabu: Nazi-Slang
Vor einigen Tagen fand die Präsentation des Stresstestes für den geplanten Bahnhof in Stuttgart statt. Gegner von „Stuttgart 21“ sehen diesen Test als gescheitert an und die Bahn ist mit dem Ergebnis zufrieden. Ein Ende des Streites ist nicht in Sicht. Schlichter Heiner Geißler (CDU) mahnte alle Beteiligten mit deutlichen Worten zu mehr Kompromissbereitschaft. „Oder
wollt Ihr den totalen Krieg?”, fragte der Schlichter am Ende der Stresstest-Präsentation in die Stuttgarter Runde.
Und wie nicht anders zu erwarten, war dieses Zitat von NS-Propagandaminister Joseph Goebbels für die Medien ein gefundenes Fressen. Zu recht?
Bereits in der Vergangenheit haben sich Prominente auf dünnes Eis begeben, wenn sie bekannte Ausrufe der Nazis benutzen. So ist Eva Herman vor einigen Jahren mit ihren Äußerungen, dass im Dritten Reich nicht alles schlecht war, auf viel Kritik gestoßen. Als sie bei Johannes B. Kerner als Beispiel die Autobahnen anführte, wurde sie von Kerner des Studios verwiesen.Ähnliches passierte in einer nächtlichen Quizshow auf Pro7. Einen ins Studio gestellten Kandidaten, der nachts arbeiten musste, munterte die Moderatorin mit den Worten „Arbeit macht frei“ auf. Sie verlor daraufhin ihren Job. Der Ausruf „Arbeit macht frei“ stand über dem KZ „Auschwitz“, in dem über eine Millionen Menschen ermordet wurden.
Doch darf man deshalb solche Sätze nicht mehr benutzen? Ist man ein Nazi oder hat man keinen Respekt vor den Opfern des Nationalsozialismus, wenn man solche Wörter oder Sätze benutzt?
Ich sehe in allen drei genannten Beispielen eine unnötige Skandalisierung seitens der Medien. Im Falle von Heiner Geißler ging es in keinster Weise um das Verkünden rassistischen Gedankengutes. Geißler wollte mit diesem Bild lediglich deutlich machen, dass die Diskussion um „Stuttgart 21“ unsachlich und außer Kontrolle geraten ist. Der totale Krieg in Stuttgart “droht
schon seit geraumer Zeit, er ist schon seit geraumer Zeit vorhanden, es hat über 100 Verletzte gegeben, ein Mensch ist total blind geworden bei dieser Auseinandersetzung”, sagte Geißler in einem Radiointerview. Ob die Situationsbeschreibung von Geißler die Lage vor Ort adäquat darstellt, sei dahingestellt. Mit fehlendem Respekt gegenüber den Opfern des NS-Regimes oder dem Bekunden von rassistischen Gedanken hat Geißlers Formulierung nichts zu tun.

Was Eva Herman angeht, so muss man deren Meinung zur Rolle der Frau mit Sicherheit nicht teilen, aber „was ich zum Ausdruck bringen wollte, war, dass Werte, die ja auch vor dem Dritten Reich existiert haben, wie Familie, Kinder und das Mutterdasein, die auch im Dritten Reich gefördert wurden, anschließend durch die 68er abgeschafft wurden. Vieles, was in dieser Zeit hochgehalten wurde, wurde danach abgeschafft.“
Äußerungen wie diese verherrlichen in keinster Weise das Dritte Reich. Vielmehr drücken sie aus, dass – auch wenn wir es gerne so sehen möchten – nicht alles schwarz oder weiß zu sein scheint. Dennoch: Hermans Meinung muss man nicht teilen.
Und im Falle der Pro7-Moderatorin reicht es wohl, wenn ich von Dummheit spreche. Wer nicht weiß, was es im Dritten Reich mit dem Satz „Arbeit macht frei“ auf sich hatte, der kann diesen Satz auch nicht benutzen, um Sympathie dem Regime gegenüber oder Respektlosigkeit den Opfern gegenüber auszudrücken.
Letztlich kommt es darauf an, was man inhaltlich sagt und damit zum Ausdruck bringen möchte. Denn ein Wort oder Satz ist nicht seiner selbst wegen unmoralisch, sondern erst auf Grund des Kontextes und der Intention des Sprechers.

4 Kommentare

  1. Hallo liebe/r Blogsachbeauftragter/In,

    außer ein paar durchgeknallten und offenkundig verzweifelten Neo-Nazis findet das jeder normal denkende Mensch furchtbar, was damals kurz vor und während des 2.Weltkrieges passiert ist. Genauso wie diese Tatsache als Fakt steht, ist es auch so, dass wir heute immernoch die Scherben von damals aufzufegen haben. Spricht man sich in irgendeiner Weise gegen Ausländer aus oder benutzt man so einen Nazi-Slang wird man sofort diskreditiert und gerät in Verruf. Eva Hermann war wirklich ein gutes Beispiel damit. Auch wenn ich mich jetzt eventuell in die Nesseln setze, aber ich stimme ihr da voll und ganz zu. Nur so nebenbei fahren wir auch heute immernoch auf Autobahnen. Die Intension, das als Kriegswege für Panzerfahrzeuge und Co zu benutzen ist natürlich nicht mehr gegeben, Gott sei dank! Dennoch benutzen wir sie heute.

    Das Zitat “Arbeit macht frei” ist natürlich ungücklich gewählt. Aber sollte man jetzt den Wortschatz der Nazis verbieten? Oder nur die bakanntesten Sätze, Begrifflichkeiten und Slogans?
    Erinnert mich ein wenig an Harry Potter, in der Buch- und Filmreihe sprach man bei dem Oberschurken Lord Voldemord bis zu einem gewissen Zeitpunkt immer von dem, der nicht genannt werden darf. Für so einen Fantasyroman vielleicht ganz lustig, für die Realität einfach nur albern. Man sollte niemandem den Mund verbieten, weil vor 70 Jahren mal damit propagiert wurde, egal von wem. Heutzutage sollte man aufgeklärt genug dafür sein, um darüber hinwegzusehen. Aber ist nur eine persönliche Meinung, freue mich auf die Leute, die darin ein gefundenes Fressen sehen. Der Blogartikel wurde ja auch schonmal als schlecht bewertet….

    Gruß Patrick

  2. @DanceMan:
    Ein Ausgezeichneter Artikel mit einem interessantem und wichtigem Thema.
    Gerade zur unserer Zeit und nicht zuletzt durch die Massenmedien sind die Ideen von “gut und böse”, “Gerechtigkeit” und “Liberalität” in Mode, weshalb es nun bedauerlicher Weise mehr radikaler und verblendeten Anhänger solche Propaganda gibt. “Hakenkreuze sind böse” – somit werden auch T-Shirts mit zerschlagenen Hakenkreuzen der Antifa verboten alle Äusserungen des Sarazzins werden in Grund und Boden gepredigt und jegliche Analysen seiner Standpunkte weggelassen und jeder, der einen Dialog sucht ist kein Demokrat, sondern ein Feind des Volkes, wer auch immer zu diesem “Volk” zugesprochen werden soll, wenn Kritiker anscheinend dessen Gegner sind… Schwarze werde “Afroamerikaner” oder “Afroeuropäer”, Türken als “Migranten türkischer Herkunft” und Leute ohne Lust auf Schule als “bildungsferne Schicht” genannt – alltgägliche Heuchelei, die nur den Leuten etwas bringt, die Interesse an Erhaltung geringerer Bildungs- und Wissensstandarts innerhalb bestimmter Gruppen haben, seien sie äußere Führungspersöhnlichkeiten solcher Gruppen, sonstige Profiteure des status quo oder schlicht überbequeme Mitglieder oben genannter Gruppen.
    Wie du siehst, kann man das Thema noch weiter ausbauen, ich würde mich über einen mehrteiligen Beitrag somit freuen, da du dann einige Bereiche genauer analysieren und deinen Lesern näherbringen könntest.
    Den Abschnitt mit “Arbeit macht frei” möchte ich aber noch ein wenig kritisieren. Ich habe das KZ Theresienstadt besucht und hatte auch das Vergnügen einer Führung mit vielfältigen Erklärungen hören zu können. Die Aufsichtsperson meinte, dass das Motto “Arbeit macht frei” neben den Nazis in erster Linie von Kommunisten(bzw. Marxisten) benutzt wurde, weshalb “Arbeit macht frei” zum einen als eine zynische Bemerkung zu der dem dritten Reich rivalisierten Ideologie, aber auch als eine Ablenkung und Ruhigstimmung von Gefangenen benutzt worden, da die KZs zu Anfang als Arbeits- und Gefängnislager benutzt wurden und die Insassen so eine höhere Moral hatten nicht zu rebellieren – Freiheit könne man ja durch Fleis in besagtem Lager erlangen und den Rest des Lebens ausserhalb des Lagers verbringen. Zugegeben, dass die zweite Argumentation in die ähnlich zynische Richtung abdriftet wie du sie wohl erdacht hast, doch durch die gemeinsame Idee von Arbeit als höheres Wohl und Ideal von Nazifeinden(Kommunisten) kann man die Kritik von dir und den Medien nicht vernunftsgemäss halten.

    @Patrick Werner:
    Sei bitte vorsichtig damit was du als sogenannte “Tatsachen” anführst – eine Tatsache ist nur so stark wie die dafür vorgelegten Argumente und die fehlen in deinem Beitrag völlig, weshalb deine These
    “außer ein paar durchgeknallten und offenkundig verzweifelten Neo-Nazis findet das jeder normal denkende Mensch furchtbar, was damals kurz vor und während des 2.Weltkrieges passiert ist. Genauso wie diese Tatsache als Fakt steht”
    absolut haltlos darsteht. Damit ist sowohl die Behauptung, dass solche Propaganda nur von von dir aufgelisteten Leuten verbreitet wird, noch die Kategorisierung der Nazis als “durchgeknallt” (du tust den Nazis nur einen gefallen, wenn du dich durch Ignoranz selbst dümmer machst als die Nazis es sind) haltbar.
    Ansonsten kann ich gegen deinen Kommentar nicht viel einwänden.

    • Hallo Paradox,
      ich habe mir einen Punkt aus deinem Kommentar herausgegriffen und einen Artikel für den kommenden Montag geschrieben.Die Rolle der Medien, deren unnötige Skandalisierung von Problemen und die daraus resultierende populistische Meinungsbildung ist dieser Aspekt, auf den ich mich konzentriert habe. Denn wo eine sachliche und differenzierte Auseinandersetzung fehlt – dort, wo überhaupt eine Auseinandersetzung mit Missständen fehlt – verkommen klare Worte zu Schimpfwörtern, werden tabuisiert und durch diplomatische Ausdrücke ersetzt. Mehr dazu am Montag.
      Vielen Dank für deinen Hintergrundbericht zum Slogan “Arbeit macht frei”!

      Paradox :

      Zugegeben, dass die zweite Argumentation in die ähnlich zynische Richtung abdriftet wie du sie wohl erdacht hast, doch durch die gemeinsame Idee von Arbeit als höheres Wohl und Ideal von Nazifeinden(Kommunisten) kann man die Kritik von dir und den Medien nicht vernunftsgemäss halten.

      Ich glaube, dass genau dies ein weiterer Knackpunkt ist: gefährliches Halbwissen. Die meisten Leute verbinden mit “Arbeit macht frei” den Hohn der Nazis. Zumindest geht es mir so, dass dies das Erste ist, was mir in den Sinn kommt, wenn ich diesen Slogan höre. Dass dieser an für sich harmlose Satz von anderen Menschen in anderen Kontexten verwendet wurde, wird ignoriert oder ist nicht bekannt. Die Leute sehen nur “Nazi = schlecht”, “Nazi = Arbeit macht frei” impliziert “Arbeit macht frei = schlecht”

  3. Vorhin habe ich ein Interview mit dem Rapper Samy Deluxe gelesen. Ich möchte daraus zitieren:

    ” “Mich würde trotzdem interessieren, wie deine Zustandsbeschreibung für Deutschland im Jahr 2011 aussieht.”

    (lacht) “Das kann ich auf keinen Fall. Was ich aber sagen kann: Durch das “Dis wo ich herkomm”-Projekt, und zwar die positive und die negative Resonanz, habe ich gemerkt, dass sich dieses Land so sehr mit Begrifflichkeiten auseinandersetzt, das am Ende das Thema gar nichts mehr zählt. Du und ich könnten der gleichen politischen Meinung sein, dann sage ich einmal Hitler, und du könntest gleich schreiben, dass ich ein Nazi bin. […]
    Außerdem habe ich gemerkt, dass gute Ansätze schnell zerstört oder nicht gehört werden. Ich habe ein Buch, ein Album und ein TV-Format gemacht, um zu zeigen, Deutschland könnte doch ganz cool sein, wenn wir uns damit auseinandersetzen. Und dieser Sarrazin schreibt ein Buch, und alle haben sich darauf gestürzt. Deutschland hat nur durch die Aussage von einer einzigen Person direkt Rückschritte gemacht. Alle sind wieder paranoid und schicken ihre Kinder lieber nicht auf Schulen mit zu hohem Ausländeranteil, weil sonst die dummen Gene auf ihre Kinder überspringen könnten. […]” ” (Quelle: n-tv.de)

    Böse Worte, die nicht politisch Korrekt sind + Skandalisierung = Stimmungsbild Deutschland.

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