Das Abtreibungsverbot ist moralische Geiselhaft

Nur (m)eine Meinung: #47 Das Abtreibungsverbot ist moralische Geiselhaft

Der Supreme Court kippte am 24. Juni 2022 das seit 1973 geltende Grundsatzurteil bezüglich Abtreibung. Frauen hatten landesweit die Möglichkeit, ihr ungeborenes Kind abzutreiben. Nun steht es jedem Bundesstaat frei, eigene Regeln zu erlassen. Mindestens acht konservative Bundesstaaten verhängten daraufhin umgehend Abtreibungsverbote.

Dieses Urteil spaltet die ohnehin schon gespaltene amerikanische Gesellschaft noch tiefer und bedeutet einen zivilisatorischen Rückschritt. Einen Rückschritt, für den federführend Ex-Präsident Donald Trump verantwortlich zeichnet. Er benannte die konservativen Richter des Supreme Court, mit deren Hilfe das Grundsatzurteil erst gekippt werden konnte.

Einen zivilisatorischen Rückschritt bedeutet das Urteil, weil es das Selbstbestimmungsrecht der Frauen über ihren eigenen Körper abschafft. Wer vergewaltigt wurde oder ein behindertes Kind zur Welt bringen würde, ist nun gezwungen, das Kind tatsächlich zur Welt zu bringen. Eine folgenschwere Konsequenz, die das Leben von vielen Frauen ruinieren und zur Hölle werden lässt – entweder, weil die Frauen durch das Kind immer wieder an die Vergewaltigung erinnert werden und nie ein Kind wollten oder weil sie psychisch und finanziell nicht in der Lage sind, sich um ein (behindertes) Kind zu kümmern.

Die moralische Entscheidung darüber, ob man ein Kind abtreiben sollte oder nicht, darf in vielen Bundesstaaten nun nicht mehr die Betroffene selbst treffen. Diese Entscheidung trifft nun der Bundesstaat für sie. Dabei spielt es nun keine Rolle mehr, ob die Frau die moralische Entscheidung des Staates teilt oder eine andere Haltung zu dem Thema hat. Somit hat der Supreme Court nicht nur das Grundsatzurteil gekippt, sondern auch einen Teil der persönlichen Freiheit hunderttausender Frauen abgeschafft und die Frauen in moralische Geiselhaft genommen. Dies geschah nicht auf der Grundlage von rationalen Überlegungen. Wäre dies der Fall gewesen, hätten Erwägungen eine Rolle gespielt, bis zu welcher Schwangerschaftswoche ein Ungeborenes noch nicht den Status einer Person haben kann, nicht empfindungsfähig ist und somit durch die Abtreibung kein Leid zugefügt wird. Die USA hätten dann eine Debatte darüber geführt, bis zu welcher Schwangerschaftswoche Abtreibung erlaubt sein darf. Stattdessen wurde ideologisch entschieden.

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Die Wahrscheinlichkeit, dass Donald Trump bei der nächsten Präsidentschaftswahl erneut zum Präsidenten gewählt wird, ist sehr hoch. Es ist dann nur noch eine Frage der Zeit, bis andere Freiheitsrechte und zivilisatorische Errungenschaften wie z. B. die gleichgeschlechtliche Ehe wieder abgeschafft und somit der republikanischen Ideologie zum Opfer fallen werden.

Deutschland ist im Vergleich zu den USA kein Paradies. Ein Schwangerschaftsabbruch ist nur unter gewissen Voraussetzungen straffrei. Doch zumindest schaffte der Bundestag am gleichen Tag das Werbungsverbot für Schwangerschaftsabbrüche ab – wobei der Begriff „Werbung“ sehr missverständlich war. Denn letztlich ging es nur um die Zurverfügungstellung von Informationen über Schwangerschaftsabbrüche.

Bis in Deutschland Frauen vollständig über ihren Körper entscheiden dürfen, ist es noch ein langer Weg. In den USA müssen Frauen diesen Weg jetzt sogar wieder von vorne gehen: ein dunkler Tag für ein vermeintlich freies Land.


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