Karneval: ja – mit mir: nein

Heute ist Rosenmontag und in vielen Städten Deutschlands wird Karneval gefeiert. Obwohl ich natürlich gerne Spaß habe und lache, bin ich kein Fan der fünften Jahreszeit. Denn spontaner Humor ist für mich viel unverkrampfter und amüsanter. Also lache und feiere ich nicht an bestimmten Tagen im Jahr, sondern immer dann, wenn ich in der Stimmung dazu bin. In eine lustige Stimmung komme ich besonders dann, wenn ich mich nicht in einer Massenansammlung eingequetscht fühle und nicht irgendwelchen Ritualen unterworfen bin. Schlagermusik, viel Alkohol, schlechte Witze und Paraden sind einfach Hemmnisse für mich und damit das Gegenteil einer guten Party.
Nun könnte ich natürlich trotzdem Karneval feiern gehen, um zu flirten und schnellen Sex zu haben. Doch abgesehen davon, dass ich glücklich vergeben bin, bevorzuge ich Flirts und Sex, die nicht aufgrund von massenhaftem Alkoholkonsum entstehen. Sich jemanden schönzutrinken mag funktionieren. Aber so leicht kann ich mich nicht selbst verarschen. Das Wissen um den personifizierten Abturner, den man an Karneval zuhauf abschleppen kann, reicht mir völlig aus, um mich der primitiven Lust und schnellen Gelegenheit zu entziehen – nichts für ungut, liebe Jecken.

©Tim Reckmann/pixelio.de
©Tim Reckmann/pixelio.de

Was in anderen Kontexten keine Selbstverständlichkeit ist, sei an dieser – für die meisten Menschen nachvollziehbaren – Stelle gesagt: obwohl ich kein Fan von Karneval bin, gönne ich jedem den Spaß, der ihn bei dieser Veranstaltung hat. Denn Toleranz bedeutet, andere machen zu lassen, auch wenn man selbst daraus keinen Gewinn oder Nutzen ziehen kann. Was in Bezug auf Karneval noch total plausibel ist, sollten sich gewisse Personen mal in Bezug auf gewisse politische Gesinnungen zu Herzen nehmen. Aber vielleicht erwarte ich zu viel. Die Zeiten, in denen Deutschland das Land der Dichter, Denker und Diskutanten war, ist unterdessen einige Jahrhunderte her. Heutzutage kann sich jeder über das Internet äußern – eine gute Sache, die viel genutzt wird. Leider wird nicht diskutiert, sondern gepöbelt.
Angesichts der politischen Spannungen, die das Volk mehr als in den letzten Jahren berühren, ist eine sinnlos ausgelassene Karnevalsveranstaltung vielleicht sogar genau das, was das Volk jetzt braucht. Einen in der Freizeit der Leute liegenden Ruhepunkt, der einen Gegenpol zu den vielen Krimis im Fernsehen darstellt. Bleibt nur zu hoffen, dass es zu keinen gewaltsamen Übergriffen oder gar Anschlägen kommt, die den Leuten diesen Ruhepunkt nehmen.
Sofern es also an Karneval friedlich bleibt, schaue ich aus respektvoller Distanz auf das närrische Treiben und denke mir: gut, dass es vielleicht hilft und ich gleichzeitig nichts damit zu tun haben muss. 🙂