EM, Orlando: Alles wird zum Politikum

Seit knapp anderthalb Wochen findet die Fußball EM in Frankreich statt. Frankreich erhoffte sich von dem Turnier ein emotionales Durchatmen im Land. Nach den Anschlägen, gewalttätigen Demonstrationen und heftigen Streiks soll diese EM Frankreich eine willkommene Abwechslung bieten. Doch so richtig will das nicht gelingen, denn während der EM ist Frankreich besonders vor erneuten Anschlägen bedroht. Die Sicherheitsmaßnahmen wurden entsprechend enorm aufgefahren. Schon vor der EM haben Frankreichs Polizisten über 20 Millionen Überstunden angesammelt. Mit dieser Großveranstaltung dürften noch einige Überstunden dazukommen. Die Lage bleibt also permanent angespannt. Eine wirkliche Ablenkung – geschweige denn Erholung – will sich nicht einstellen.
Dazu kommen noch gewalttätige Ausschreitungen von Hooligans – z.B. rund um und während des Spiels England gegen Russland. Die Ausschreitungen waren so heftig, dass Russland abgemahnt wurde und bei weiteren Fan-Ausschreitungen disqualifiziert wird. Bei den öffentlich-rechtlichen Sendern in Deutschland beklagte man sich unterdessen, dass die UEFA die Bilder zensiere und dem Zuschauer die unschönen Bilder vorenthalte. In Deutschland selbst erntete die Grüne Jugend einen Shitstorm, weil sie den Flaggenkult rund um die EM verbieten wollte. Passend zu dieser Forderung fielen auch deutsche Hooligans negativ auf. Sie ließen sich u.a. mit einer alten Reichskriegsflagge ablichten und prügelten herum.
All diese Ereignisse geschahen innerhalb der ersten Woche seit Beginn der EM. Damit ist die Europameisterschaft längst nicht nur ein Fußballfest, bei dem gefeiert und die eigene Mannschaft angefeuert wird, sondern auch ein großes Politikum. Sie wird als Plattform für Ideologien, Gewaltexzesse und im schlimmsten Fall auch für einen Religionskrieg missbraucht. Fußball wird bei dieser EM fast schon zur Nebensache.

©Bernd Kasper/pixelio.de
©Bernd Kasper/pixelio.de

Doch die EM ist längst nicht allein von diesem Phänomen betroffen. Die Schießerei in dem Schwulenclub in Orlando wird ebenfalls für politische und gesellschaftliche Ideologien missbraucht. Donald Trump sieht die Schuld an diesem Blutbad ganz allgemein beim Islam und wiederholte seine Forderung, Muslimen die Einreise in die USA zu verbieten. Demokratische Parteien auf der ganzen Welt verbünden sich hingegen mit den Opfern und der LGBT-Community und sprechen davon, dass der Anschlag ein Angriff auf unsere freie Gesellschaft sei. Einige Homosexuelle grenzen sich hingegen vom Rest der Gesellschaft ab und betonen, dass „[d]er Terror im “Pulse” […] kein Anschlag auf die westliche Kultur im Allgemeinen“ [1] sei. In den Medien wird spekuliert, ob der Täter Islamist oder homophob war? Oder war der IS-Anhänger Islamist und homophob? Oder war er homophob, weil er radikaler Islamist war? Oder andersherum? Es wird sogar spekuliert, ob der Täter selbst homosexuell veranlagt war.
Selbst das Blutbad dieses Einzeltäters lässt aus einer schlimmen Tragödie ein Politikum werden. Es reicht heutzutage nicht mehr, eine böse Tat zu verurteilen. Sie muss in das eigene politische und gesellschaftliche Weltbild eingeordnet und Forderungen daraus abgeleitet werden. Nur dann kann man Wähler, Mitglieder, Glaubensbrüder und somit Einfluss und Macht an sich binden. Und wir, das Volk, spielen dieses Spiel brav und leidenschaftlich mit.
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[1] http://www.welt.de/politik/ausland/article156196248/Es-ist-nicht-eure-Welt-die-hier-zerschossen-wurde.html