Privatsphäre und Überwachung

Weniger Privatsphäre und mehr Überwachung gefällt uns
Was wurde eigentlich aus Edward Snowden? In Zeiten der Griechenlandkrise und Flüchtlingsproblematik ist es ziemlich ruhig um den Whistleblower geworden. Ich muss wohl nicht erklären, was er getan hat, um weltweite Prominenz zu erlangen. Das wurde seit Bekanntwerden des NSA-Skandals zur Genüge getan. Doch was einen genaueren Blick wert ist: die Folgen für unser Verständnis von Privatsphäre und unsere Haltung zu Überwachung. Beides ist nämlich momentan im Wandel.
Wenn man an Privatsphäre denkt, stellt man sich einen geschützten Raum vor, an dem niemand mitbekommt, mit wem man sich dort aufhält, was man dort tut und spricht. Eng mit dem Begriff Privatsphäre ist daher auch immer die Überwachung verbunden, die aus unterschiedlichen Gründen zu jeder Zeit in der Geschichte der Menschheit durchgeführt wurde. Der Soziologe Nils Zurawski  vertritt die Meinung, dass eine Definition von Überwachung nicht eindeutig möglich ist. Er schließt sich dem Vorschlag des Soziologen David Lyon an, nach dem Überwachung die Schaffung, Steuerung und Erhaltung gesellschaftlicher Ordnung sei. Dabei werden persönliche Daten routinemäßig und systematisch überprüft und beobachtet. Als Gründe für Überwachung gebe es in der Regel immer zwei oft gegensätzliche Gehalte – nämlich Fürsorge (z.B. die Schaffung von Möglichkeiten demokratischer Teilhabe) und Kontrolle (aus der Macht, die aus der durch Überwachung gewonnenen Informationen entsteht).[1] Die Motive, jemanden auszuspionieren, sind also schon so alt wie die Menschheit selbst. Doch während Überwachung früher aus direkter persönlicher Beobachtung bestand, ist es dank neuer Technologien und des Internets möglich, Informationen von Milliarden von Menschen abzugreifen, zu speichern und zu verarbeiten. Die Dimension der Überwachung hat sich also in den letzten Jahrzehnten um ein vielfaches vergrößert.
Was mit all diesen Daten passiert, ist nach wie vor ungewiss. Von Unternehmen werden sie verwendet, um uns zielgerichtete Werbung zu generieren und die Verkäufe anzukurbeln. Von Staaten werden sie sicherlich für (macht-)politische Vorteile genutzt. Hin und wieder haben wir Bürger vielleicht sogar Vorteile von Überwachungsmaßnahmen – z.B. wenn dadurch eine Krankheitswelle vorausgesagt oder ein Anschlag verhindert werden kann. Ob letzteres gelingt, ist allerdings zweifelhaft.

©Markus Vogelbacher/pixelio.de
©Markus Vogelbacher/pixelio.de

Doch auch stärkere Manipulationen sind vorstellbar. Wer dank unserer Facebook-Nachrichten und den Daten aus unserer SmartWatch weiß, wie wir leben und ob wir gesundheitlich angeschlagen sind, kann unser Verhalten beeinflussen. Tipps von z.B. Ernährungs- oder Fitness-Apps setzen wir dann hörig um, weil uns unsere Krankenkasse dann einen günstigeren Tarif verspricht. Solange diese Methoden auch zu unserem Vorteil sind, könnte man dieser Entwicklung offen und positiv gegenüberstehen. Vergessen sollte man allerdings nicht, dass man sich aus Bequemlichkeit von unbekannten Menschen und Computerprogrammen abhängig macht. Man gibt nicht nur seine Privatsphäre auf, sondern seine Autonomie. Fremdgesteuert erfüllt man die Tipps und Aufforderungen seiner Apps und lebt nicht mehr eigenständig. Sollten die vielen privaten Daten zukünftig von Politikern oder Unternehmen missbraucht werden, dann können wir uns diesem Missbrauch kaum noch entziehen, da wir bereits alles von uns preisgegeben und uns abhängig gemacht haben.
Wie in so vielen Bereichen sind technische und gesellschaftliche Entwicklungen Chance und Risiko zugleich für uns. Der technische Fortschritt hat dazu geführt, dass sich unser Privatsphäreverständnis auszuweiten beginnt. Unter Privatsphäre verstehen wir nicht mehr ganz streng, dass niemand mehr private Handlungen und Gespräche mitbekommt. Vielmehr schließen wir nur noch unsere unmittelbare Umgebung aus. Wir sehen es aber sehr wohl schon als privat an, dass Unternehmen auf der ganzen Welt private und intime Details über uns wissen. Andernfalls würden wir die Bequemlichkeit mancher Technologien aufgeben und sie zum Schutz unserer Privatsphäre (nach dem früheren Verständnis) nicht mehr nutzen.
Auch unser Verhältnis zum Thema „Überwachung“ hat sich geändert. Wir sehen Überwachung mittlerweile wohl als etwas Nützliches an. Andernfalls würden wir uns ernsthaft dagegen wehren, von Wirtschaftsunternehmen und dem Staat ausspioniert zu werden.
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[1] Nils Zurawski: Surveillance Studies. Perspektiven eines Forschungsfeldes, Opladen&Farmington Hills 2007.

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