Das Töten von Massenmördern

Ein Gewissenskonflikt
Vor einer Woche wurde der Terrorist Osama Bin Laden von US-Kommandos aufgespürt und erschossen. Damit endete die Suche nach dem Führer von Al-Kaida, der angeblich für die Terroranschläge vom 11. September 2001 verantwortlich war. Aus Sicherheitsgründen, so heißt es, sollte Bin Laden nicht lebendig gefasst und in die USA gebracht werden. So blieb ihm ein Prozess verwehrt. Stattdessen tötete man ihn mit einem Kopfschuss, nahm DNA-Proben und bestattete die Leiche im Meer.
Viele Staatschefs, darunter auch Angela Merkel, drückten ihre Freude über die Tötung Bin Ladens aus. Ein Verhalten, das einige Ethiker und die katholische Kirche kritisierten. Die Ermordung eines Menschen, so böse er auch gewesen sein mag, dürfe einen Menschen nicht freuen.
Auf den ersten Blick scheint diese Position kaum nachvollziehbar zu sein. Massenmörder, die so viel Tod und Leid in die Welt setzen, sollten schließlich gestoppt werden. Gelingt dies, kann man sich doch freuen. So hätte man im dritten Reich bestimmt die Person, die es geschafft hätte, Adolf Hitler zu ermorden, als Volksheld angesehen. So wie es kaum vorstellbar erscheint, dass man etwas gegen die Ermordung Hitlers einzuwenden hätte, so fassungslos werden einige Menschen die Reaktion der Kirche und einiger Ethiker aufnehmen.

Doch wenn wir uns von Personen lösen und schlicht über die Ermordung eines Menschen sprechen, so werden wir vermutlich übereinstimmend eine solche Tat ablehnen. Warum tun wir das?
Weil wir das Leben eines Menschen grundsätzlich als kostbar und achtenswert betrachten.
Aber natürlich liegt uns beim Thema Ermordung die Frage nach dem „warum“ auf der Zunge. Die Antwort lautet oft, dass die verwerfliche Tat der Ermordung durch höhere Ziele gerechtfertigt werde. Überlegt man sich, welche Handlungen für das größte Wohlergehen in der Welt sorgen, dann wird man schnell zu dem Schluss kommen, dass die Ermordung eines Massenmörders nicht nur gerechtfertigt, sondern sogar moralisch gefordert ist. Und über die Durchführung einer Handlung, die moralisch gefordert ist, darf man sich natürlich auch freuen.
Ich selbst vertrete beim Thema Ermordung einen kategorischen Standpunkt. Das Ermorden einer Person ist in jedem Falle untersagt. Egal wie positiv die Folgen der Ermordung einer grausamen und bösartigen Person wären: ich könnte niemals vollständig ausblenden, dass ich einem Menschen das Leben genommen hätte. Folglich würde ich die moralisch entsprechenden Konsequenzen für mein Handeln tragen wollen. Ich bin der festen Überzeugung, dass niemand das Recht hat, über Leben und Tod zu entscheiden.

Um das sofort klarzustellen: in Extremfällen wie bei Osama Bin Laden oder Hitler würde ich mich bewusst gegen die Moral entscheiden, meine Gewissensbisse in Kauf nehmen und eine Tötung dieser Personen klar befürworten, wenn es – und die Wichtigkeit dieser Bedingung kann ich nicht oft genug unterstreichen – keine andere Möglichkeit gibt, sie unschädlich zu machen. Freude würde ich dann aber wohl kaum empfinden. Höchstens Erleichterung, weil es eine Gefahr weniger gibt.
Egal welche Position man vertritt: Probleme bleiben allemal. Wo zieht man die Grenze zwischen Massenmörder und Mehrfachmörder? Wie hoch darf das Risiko maximal sein, das man eingehen muss, um den Massenmörder lebend in Gewahrsam zu nehmen? Kann man damit leben, jemandem das Leben genommen zu haben? Was muss ich denn nun tun, um richtig zu handeln?
Die eine richtige Entscheidung schlechthin gibt es wohl nicht.

3 Kommentare

  1. Sehr schöner Artikel! Liest sich wie aus einem Guss, die Stellungnahme erscheint klar und schlüssig.
    Der Kommentar von Staatsoberhäuptin Angela Merkel wurde natürlich von den Kritikern und der Presse in der Luft zerrissen. Ich behaupte mal, dass die Formulierung von ihr ein wenig fehlgegriffen war:”Tötung Osama Bin Ladens ist ein Erfolg”, aber vermutlich sprach sie nur das aus, was viele Menschen denken. Ein internationales Ereignis, eine unglückliche Formulierung und aus Pressefreiheit wird Skandal.
    Wo wir gerade bei Pressefreiheit sind…
    Über Japan wurde eine Nachrichtensperre verhängt, das Problem ist einfach ausgeblendet. Klar, dass man da genug Zeit hat, um sich über die Kommentare von Frau Merkel zu echauffieren.

  2. Im Prinzip stimme ich deinen Ausführungen zu, doch ich würde noch einige Anpassungen vornehmen. So ist jeglicher Mord, Mehrfachmord und/oder Verleitung zu solchen, denn das ist ja, was Bin Lagen getan haben soll, ein Grund, damit uns die mit der Frage über eine Hinrichtung stellen. Eine Hinrichtung, doch keine Ermordung, denn diese bringt uns einige Probleme.

    Mit den Mitteln eines Eliteeinsatzkommados einer solchen Nation wie USA wäre eine die Festnahme einer solchen Person wie Osama bin Laden ein Leichtes gewesen, denn anscheinend haben sie auch für sein Leichnam gesorgt… Meiner Meinung nach hätte man ihn also nach bester Möglichkeit verhaften und einem internationalen, neutralen Gericht überantworten müssen und dort dann seine potentiele Strafe erhalten. Wir Menschen sollten keine Barbaren sein, solches Verhalten ruft diesen Status aber hervor.

    Ein weiteres Problem ist, dass der Mörder von Bin Laden auch zum Mörder wird. Was unterscheidet diesen Mitglied des Kommados vom Bin Laden? Beide sollen für den Tod von vielen Menschen gesorgt haben(es starben dabei noch Ladens Leibwächter und seine Familienangehörige). Die Antwort ist schlicht und zynisch: die subjektive Meinung der Betrachter legt die Bewertung für solche Fälle fest. Ein Massenmörder kann also zum gleichen Zeitpunkt auch als Volksheld angesehen werden.

    Der Kampf ums Überleben unter den Lebewesen findet also heute auch weiter statt und die einzigen Regeln, somit auch die Moralregeln, sind solche, die wir uns selbst auferlegen. Vielleicht solltest du Darwinismus und Sozialdarwinismus demnächst als Thema untersuchen…

  3. Hi, der Artikel hat mir sehr gefallen. Hat mich zum Nachdenken gebracht…..
    Ob man so handeln sollte wie Frau Merkel oder aber nicht.

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