Papst Benedikt XVI. im Bundestag

Das eigentliche Problem ist nicht der Ort
In dieser Woche besucht Papst Benedikt XVI. Deutschland und wird eine Rede im Bundestag halten. Im Vorfeld ist dieses Vorhaben auf viel Kritik gestoßen, da es nicht ganz klar ist, ob der Papst als Staatsoberhaupt des Vatikans oder als religiöser Führer der römisch-katholischen Kirche sprechen wird. Vatikansprecher Lombardi kündigte an, dass der Papst über allgemeine Fragen des Glaubens sprechen, aber keine isolierten Einzelfragen in den Mittelpunkt stellen wolle.
Die Kritik ist wie erwähnt groß, doch scheint die Begründung der Kritik nicht ganz den Kern des Problems zu treffen. Was spielt es für eine Rolle, wo der Papst seine Rede halten wird? Ändert der Ort etwas an den Inhalten seiner Rede? Denn letztlich sind es ja die Inhalte, die von Papst-Gegnern kritisiert werden.

„Der Papst vertritt eine menschenfeindliche Geschlechter- und Sexualpolitik”, erklärt Jörg Steiner, Sprecher des Bündnisses, das aus 65 Organisationen besteht und am 22. September gegen den Papstbesuch demonstrieren wird. “Mit seiner Haltung, etwa zur Verhütung oder zum Schwangerschaftsabbruch ist er gegen eine sexuelle Selbstbestimmung. Wir wollen eine Gegenöffentlichkeit schaffen.”
Dass Benedikt XVI. eine Rede im Bundestag halten wird, scheint wohl nur die unbedeutende Spitze des Eisberges zu sein, denn mehr als Symbolcharakter hat die Rede im Bundestag, zu der der Papst übrigens von Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) eingeladen wurde, nicht. Und dieser Symbolcharakter dürfte nicht nur den Gegnern der Kirche egal sein, sondern ist vielmehr insgesamt uninteressant für die Deutschen.
Laut einer Emnid-Umfrage im Auftrag der Bertelsmann Stiftung in Gütersloh ist nur jedem Fünften das Wort des Papstes wichtig. Selbst unter Katholiken sehen nur 37% der Befragten das Wort des Papstes als bedeutsam an. Befragt wurden Ende August 1008 Menschen ab 14 Jahren.

Statt vorgeschobener Kritik am Ort der Papstrede scheint es vielmehr angebracht zu sein, die Inhalte der Rede und die Einstellung der katholischen Kirche insgesamt zu kritisieren. Das eigentliche Problem ist nicht der Ort der Rede. Allein von den Befragten wünschen sich 71% eine Öffnung und Liberalisierung der Kirche. Wenn also am 22. September die Schwulen- und Lesben-Organisationen, Frauenrechtlerinnen, Parteien und Umweltverbände unter dem Motto „Keine Macht den Dogmen“ auf die Straße gehen und demonstrieren, werden sie in der breiten Bevölkerung auf Zustimmung stoßen.

8 Kommentare

  1. Die Politik in Deutschland hat zumindest den Anspruch öffentlich zugänglich zu sein. Somit dürfte man keinem Redner es verbieten seine Meinung dort zu äussern. Das Recht zur freien Meinungsäusserung sollte auch für die Menschen gelten, deren Meinung uns nicht gefällt.

    • Ganz recht. Und in der Papstrede im Bundestag die Vermischung von Staat und Religion zu sehen, halte ich für überzogen. Da gehört wohl ein wenig mehr dazu.
      Vielmehr sollte man es unterlassen, die Kirchensteuer über den Staat einzutreiben. Denn da scheint mir die Trennung schwächer zu sein, als bei einer Rede, die im nachhinein als für den Bundestag angemessen betrachtet wird.

  2. Das ist gerade der Punkt – wäre sein Anliegen eine Hetzjagd gegen Nichtgläubige oder Abtreibungsbefürworter, so wäre es immer noch sein Recht diese Meinungen zu vertreten und wir sollten ihm dieses nicht absprechen nur weil wir anderer Meinung sind.

  3. Mag sein – je nach dem – wie er es anstellt – aber diese Rede hätte dann nicht unbedingt etwas im Bundestag zu suchen. Im Bundestag geht es um Politik, Wirtschaft etc. und nicht um Religion.
    Ich kann daher den Grundtenor der Kritik verstehen. Aber wie ich schon schrieb: die Kritik an den Inhalten ist mir wichtiger als die Kritik am Ort der Rede.

  4. Eine Demonstration als eine Art von versuchtem Beukott geht automatisch gegen den Ort. Es mag für euch primär inhaltliche Gründe haben, eurer Meinung nach, doch hierbei wäre der Protest gegen die Vorgehensweise der Rede und dazu zählt der Ort.
    Weiterhin sind solche Themen wie Religion, Ethik, Abtreibung und sexuelle Rechte Teil des öffentlichen Geschehens und somit Teil der Politik, weshalb ein Ort wie der Bundestag durchaus dafür geeignet ist. Diskurse sind Alltag in der Politik.

  5. Du brauchst von mir nicht in der Mehrzahl zu sprechen.^^
    Der Protest damals richtete sich faktisch primär gegen den Ort und weiterhin gegen den Inhalt der Rede, obwohl man Letzteren zu dem Zeitpunkt noch nicht kannte (die Rede war ja noch nicht gehalten) – man protestierte quasi im Voraus dagegen, dass der Papst die politische Showbühne für religiöse Propaganda missbrauchen würde.
    Dies tat der Papst aber nicht, wie man während und nach der Rede feststellte. Der Papst hat es unterlassen, darüber zu sprechen, was Gott gefällt und was nicht. Hätte er dies getan, wären die Proteste in Bezug auf den Ort seiner Rede gerechtfertigt gewesen, denn meiner Meinung nach haben religiöse Lehren (und ich grenze sie von ethischen und moralischen Lehren an sich ab) in der Politik nichts zu tun. Denn dann wäre die Trennung von Staat und Religion gefährdet und was das für Folgen hätte, kannst du in jedem Geschichtsbuch über das Mittelalter nachlesen. 😉

    Stattdessen sprach der Papst von Umweltschutz, Gerechtigkeit und Recht – so wie es DieGrünen, Rechtsphilosophen und Juristen auch tun. Entsprechend positiv bewertete ich die Rede von Benedikt XVI. in meinem Folge-Artikel.

  6. Dann müsstest du erst einmal auslegen wieso ein schlichter Vortrag automatisch die Verschmelzung zwischen Religion und Staat hervorruft.

  7. Wenn ein Vortrag mit den genannten Inhalten im Bundestag gehalten wird, bedeutet das, dass der Staat dem Prediger eine politische Bühne für seine Predigten bietet. Das bedeutet, dass die politische Bühne eben nicht mehr nur eine Politische ist, sondern auch eine Religiöse – der Staat toleriert also nicht nur die Meinungsfreiheit und die Predigten, sondern setzt sich aktiv und gezielt dafür ein, dass die Predigten ein breites Publikum erreichen. Dafür haben die Prediger jedoch selbst zu sorgen. Es fällt nicht in den Aufgabenbereich des Staates.

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