Die Gelegenheitsfreundschaft

Die neue Form der Freundschaft?
Vor einigen Wochen wurde eine große Party veranstaltet, auf der viele Bekannte und Freunde von mir anwesend waren. Ich selbst bin dort aus verschiedenen Gründen nicht erschienen. Einer meiner Bekannten erzählte mir, dass man mehrfach nach mir gefragt hat. Jedoch hat sich niemand bei mir gemeldet, weder während noch nach der Party, und sich bei mir erkundigt, wo ich denn bleibe oder warum ich nicht gekommen bin.
Spontan bewertete ich dieses Verhalten als das unaufrichtige Zeigen von Interesse seitens Personen, die ich nicht als „Freunde“ bezeichnen würde. Allerdings gab mir mein Bekannter zu verstehen, dass das Zeigen von Interesse, welches er intuitiv als aufrichtig empfand, nicht in dem Maße unterbewertet werden sollte, wie ich es tat.
Das persönliche Melden bei einem Freund, welches ich bei bestehendem Interesse voraussetze, sei nicht mehr die übliche Vorgehensweise.

„In der heutigen Zeit, wo die Begriffe Freundschaft und Kumpel immer mehr verschwimmen und Kontakte nur schwer in Gruppen zu sortieren sind; und wo durch die Masse der Kontakte, die man durch das Internet hat, die Konzentration auf den Einzelnen oft sehr schwer fällt, ist das Interesse schon etwas Wichtiges.“

©Nik Styles/pixelio

Doch sind Kontakte tatsächlich schwer in Gruppen zu ordnen? Zugegeben: klare Grenzen zwischen Stufen der Freundschaft kann man mitnichten ziehen. Dennoch wage ich zu behaupten, zumindest zwischen Bekannten, Freunden und sehr guten Freunden unterscheiden zu können.
Dies kann ich, weil ich die eben erwähnten Personengruppen unterschiedlich definiere und ich bin der Auffassung, dass eine große Mehrheit im Großen und Ganzen unwesentlich von meinen Definitionen abweicht (was ggf. Ergänzungen nicht ausschließt).
Ein Bekannter ist in meinen Augen jemand, mit dem ich nicht viel zu tun habe. Ich treffe ihn zu bestimmten Anlässen, ohne mich explizit mit ihm verabredet zu haben und kann mich gut mit ihm unterhalten und Spaß haben.
Ein Freund ist jemand, mit dem ich mehr oder weniger regelmäßig im gegenseitigen Kontakt, welcher von beiden Seiten gewollt ist, stehe. Eine gewisse Kontinuität ist dabei eine Voraussetzung. Mit diesem Freund kann ich über private Angelegenheiten sprechen; Gute und Schlechte. Ein gewisser, aber noch recht begrenzter Aufopferungswille und Interesse für das Befinden des jeweils Anderen ist vorhanden.

©Dieter Schütz/pixelio

Ein sehr guter Freund ist jemand, dem ich kompromisslos vertrauen kann. Er ist stets aufrichtig und ehrlich zu mir, steht mir jederzeit zur Seite und hat sehr großes Interesse an meinem Befinden. Diese Eigenschaften beruhen natürlich auf Gegenseitigkeit.
Eine sehr gute Freundschaft entwickelt sich über einen längeren Zeitraum und ist in der Regel „krisensicher“. Es erfordert Zeit und Sorgfalt, ein solches Verhältnis aufzubauen.
In der heutigen Zeit, in der wir dank des Internets in der Tat in kürzerer Zeit viel mehr Menschen kennenlernen können, wächst unser Bekanntenkreis stark an. Bekannte kommen hinzu und verschwinden nach einiger Zeit von der Bildfläche – egal ob nur virtuell oder auch im realen Leben. Bei der Menge von Menschen, die man in dieser schnelllebigen Zeit kennenlernt, bleibt nur ein verhältnismäßig geringer Anteil an Personen, denen man ein Stück weit vertraut, dauerhaft mit einem in Kontakt. Man könnte sie „Freunde“ nennen.
Dies halte ich für eine natürliche Entwicklung, da es bei der Fülle von Kontakten wirklich schwierig ist, sich angemessen auf jeden zu konzentrieren und die Zeit aufzuwenden, eine tiefergehende Freundschaft aufzubauen.

©Tom Kleiner/pixelio

Aber sehnen wir uns nicht trotz all der neuen Möglichkeiten und Kontakte nach Personen, sehr guten Freunden, denen wir uneingeschränkt vertrauen und auf die wir zählen können in jeder Lebenslage? Und haben wir selbst nicht auch das Bedürfnis, für einen kleinen Kreis von Personen in diesem Maße da zu sein?
Ich denke nicht, dass wir in einer Zeit von Gelegenheitsfreundschaften diese Bedürfnisse verlieren. Und somit denke ich nicht, dass die Begriffe „Freundschaft“ und „Kumpel“ derart verschwimmen. Es kommt darauf an, welche Prioritäten wir setzen und ob wir entsprechend handeln.
Für mich haben Freunde und sehr gute Freunde Priorität und somit deren Handeln. Im eingangs beschriebenen Fall war nicht mehr als ein gewisses Interesse an meiner Person vorhanden. Eine Unterbewertung des Interesses meinerseits liegt meines Erachtens deshalb nicht vor.

2 Kommentare

  1. Ein Artikel, mal wieder hautnah und greifbar mit einem guten Beispiel, mit dem man sich gut identifizieren kann. Kennen wir doch alle die Situation!
    Dein Artikel forderte mich natürlich nochmal auf, nach Zitaten bezüglich der Thematik zu googeln, ich denke ich habe was sehr passendes gefunden:
    “Unsere äußeren Schicksale interessieren die Menschen, die inneren nur den Freund.”
    Dieses Zitat stammt von Herrn Heinrich von Kleist, offensichtlich ein Mann reich an Verstand, ein ebenso wichtiges Gut.
    Noch ein Zitat, welches ich ohne Googelsystem raushauen kann:
    “A friend in need is a friend indeed”, darüber nachzudenken sei selbst überlassen.

    Ich stimme deiner Schilderung der Freundschaft absolut zu, man kann jemanden recht leicht kategorisieren und in eine deiner 3 “Stadien der Freundschaft” selektieren.
    Eine Kleinigkeit wollte ich aber noch hinzufügen. Ich habe selbst ein paar Menschen, mit denen ich mich super verstehe und die ich schon als gute Freunde bezeichnen würde, obwohl ich die nicht öfter als 5 Mal im Jahr sehe, das liegt aber einfach an der Entfernung. Vielleicht ist es auch nur eine gute Freundschaft, eben weil man sich nicht so oft sieht. Das ist ein Faktor, den man nicht außer acht lassen sollte.

    Es grüßt vom Hofe der Narr

    • Vielen Dank für deinen Kommentar,
      deine Zitate sind wahrlich sehr interessant. Besonders das zweite Zitat gefällt mir sehr.
      Dein letzter Einwand ist natürlich in jedem Falle berechtigt. Die Qualität einer Freundschaft kann die Quantität um ein Vielfaches übersteigen, was den Wert der Freundschaft erheblich verbessern kann.
      Ich denke jedoch, dass ein gewisses Mindestmaß an Quantität vorhanden sein muss, damit man nicht allzu sehr aneinander vorbei lebt, was nicht förderlich wäre.

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