Vor lauter Bäumen…

Am vergangenen Dienstag war Valentinstag. Dieser symbolische Tag wurde zum Anlass genommen, um auf Gewalt gegen Frauen aufmerksam zu machen. In vielen deutschen Städten wurden entsprechende Aktionen gestartet. Am selben Tag einigte sich der Bundestag darauf, die „Einheitswippe“ zu bauen – ein Einheitsdenkmal. Einen Tag zuvor haben die Einwohner Dresdens in zahlreichen Veranstaltungen und Aktionen der Zerstörung ihrer Stadt vor 72 Jahren gedacht. Bereits in der Woche davor wurde in Dresden ein Kriegsmahnmal eingeweiht, das auf den Krieg in Syrien aufmerksam machen soll. Neben den üblichen Verzierungen von Profilfotos in sozialen Netzwerken bei akuten Tragödien sind die genannten Beispiele nur eine kleine Auswahl von symbolischen Handlungen, die allein in den letzten zwei Wochen stattfanden.
All diese Aktionen und Gesten sind gut gemeint. Sie sollen auf Unrecht in der Welt aufmerksam machen und im besten Fall dazu motivieren, dieses Unrecht in Zukunft nicht mehr geschehen zu lassen. Die Symbole – teils umstritten – zeigen zudem, dass unsere Gesellschaft sehr meinungsstark ist. Viele Mitglieder unserer Gesellschaft wollen sich auf die eine oder andere Weise zu politischen oder gesellschaftlichen Themen positionieren und ihre Weltsicht aktiv bewerben.
Wenn dies so weitergeht, sehen wir bald vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr. Oder übersetzt: Wir sehen vor lauter Symbolik unser Ziel nicht mehr – weil wir mehr damit beschäftigt sind, Zeichen gegen aus eigener Sicht Ungerechtigkeiten zu setzen, als uns mit den Ungerechtigkeiten auseinanderzusetzen. Wir wollen sie nicht mehr verstehen, um zu wissen, wie sie entstanden sind, wie sie sich aktuell halten können und wie man sie beseitigen kann. Wir wollen uns bloß abgrenzen, um uns als vermeintliche Hüter der Moral über jene erheben zu können, die an den Ungerechtigkeiten beteiligt sind. Das gelingt uns mal mehr und mal weniger glaubhaft. Die drei aufgestellten Busse in Dresden, die an den Syrienkrieg erinnern sollen, markieren wohl den Tiefpunkt der Glaubwürdigkeit. Zwar wird es kaum jemand begrüßen, dass unschuldige Menschen unter dem Krieg in Syrien leiden müssen und ihre Heimat verlieren. Doch richtig ist auch: kaum jemanden hier berührt das Schicksal der Syrer emotional – es sei denn, er ist persönlich davon betroffen (Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel). Daran wird auch das Kriegsmahnmal nichts ändern. Das Leid völlig fremder Menschen, mit denen man nichts zu tun hat, löst in den meisten von uns nichts aus. Warum also nicht ehrlich sein, anstatt Mitgefühl zu heucheln? Wer einigermaßen regelmäßig Fernsehen guckt oder Zugang zum Internet hat, wird die Ereignisse in Syrien über die Medien längst mitbekommen haben. Es obliegt ihm selbst, an diese Menschen zu denken oder es sein zu lassen.

Denkmal Berlin

Wichtiger als Symbolik ist pragmatisches Handeln. Setzen wir uns lieber für die Bekämpfung von Fluchtursachen ein, anstatt an jeder Ecke ein Denkmal zu errichten. Doch die Bekämpfung von Fluchtursachen erfordert harte Arbeit, echtes Engagement und ist nicht so einfach zu bewerkstelligen, wie der Bau eines symbolträchtigen Kunstwerks. Behandeln wir Frauen einfach mit Respekt und leben vorbildlich den Wert der Gleichberechtigung der Geschlechter, anstatt uns tanzend auf den nächsten Marktplatz zu stellen. Der erquickende Tanz war längst wieder vergessen, bis ich diesen Artikel schrieb. Der respektvolle Umgang gegenüber Frauen dürfte hingegen nachhaltiger sein. Unterlassen wir den Bau der Einheitswippe und arbeiten wir lieber daran, dass Westdeutschland und Ostdeutschland noch stärker zu einer Einheit verschmelzen. Dies könnte geschehen, indem man Sigmar Gabriels Vorschlag aus 2015 umsetzt, den Solidaritätszuschlag für strukturschwache Regionen in ganz Deutschland zu nutzen.
Wir brauchen nicht für jede vermeintlich unterdrückte Minderheit und jedes Verbrechen auf der Welt ein symbolisches Zeichen in Form von Denkmälern, Flashmobs oder veränderten Profilbildern. Die Fülle der Symbole schmälert ohnehin das Interesse der Bevölkerung und somit deren Wirkungskraft. Was wir vielmehr brauchen, sind konstruktive Lösungen auf die Probleme unserer Zeit.