Das soziale Geschlecht

Es existiert auch heute noch
Das soziale Geschlecht, welches auch „Gender“ genannt wird, gibt das soziale oder psychologische Geschlecht einer Person an. Es unterscheidet sich vom biologischen Geschlecht, weil damit die körperlichen Geschlechtsmerkmale gemeint sind. Das soziale Geschlecht bezeichnet also die Dinge, die in einer Kultur üblicherweise für typisch weiblich bzw. typisch männlich gehalten werden. Ursprünglich diente diese Definition dazu, das Fühlen und Verhalten von Intersexuellen – also Personen, die kein eindeutiges biologisches Geschlecht haben – die eine eindeutige Geschlechtsrollenpräsentation aufwiesen, zu erklären. Sie ordneten sich also selbst einem Geschlecht zu (z.B. Mann), obwohl beide Geschlechtsorgane vorhanden oder nicht eindeutig waren.
Obwohl heutzutage im Zuge der Liberalisierung die Grenzen zwischen den sozialen Geschlechtern fließend werden, so existieren sie immer noch. Denn wie wir alle im Alltag feststellen können, verhalten und kleiden sich Frauen anders als Männer. Sie werden unterschiedlich erzogen und haben noch immer eine unterschiedliche Stellung in der Gesellschaft. Ein Blick durch die Fußgängerzone genügt, um dies zu erkennen.

Kritiker sind aus verschiedensten Gründen der Auffassung, dass es dieses soziale Geschlecht nicht geben würde. Als Beispiel führen sie Fälle an, in denen sich Frauen wie Männer verhalten und andersherum. Hat nach älteren Auffassungen die Frau zu Hause am Herd zu stehen und der Mann das Geld nach Hause zu bringen, so werden z.B. Köche angeführt, die zwar aus beruflichen Gründen kochen, aber teilweise auch zu Hause hinter dem Herd stehen. Ein anderes Beispiel ist das Aussetzen der Berufstätigkeit für die Erziehung der Kinder. Ob der Mann oder die Frau zu Hause bleibt und sich um die Kinder kümmert, wird heute oftmals nicht über die Geschlechtsidentität entschieden, sondern über die Frage, wer mehr Geld verdient. Mit diesen Gegenbeispielen sehen Kritiker die Existenz des sozialen Geschlechts widerlegt. Jedoch greift hier die mathematische Regel des Gegenbeweises nicht. Die Ungültigkeit einer Formel mag man mit Hilfe eines Gegenbeweises definitiv widerlegen können; sie wird nicht funktionieren, auch wenn man andere Zahlen einsetzt; denn die Mathematik kennt nur richtig oder falsch. „Ein bisschen richtig“ gibt es nicht – sehr wohl aber in Kulturen. Was man nicht für jeden einzelnen Menschen festhalten kann, lässt sich dennoch für die Gesellschaft, in der er lebt, sagen, wenn es auf die Mehrheit selbiger zutrifft. Wenn wie vor einigen Jahrzehnten das Denken in solchen Geschlechterrollen für z.B. 80% der Deutschen zur Lebenswirklichkeit gehört, dann können nicht 20% der Deutschen die Existenz dieser Lebenswirklichkeit der Anderen widerlegen. Das soziale Geschlecht mochte und mag nicht für alle Menschen Gültigkeit (gehabt) haben, aber es hat dennoch Bestand in unserer Gesellschaft.

Eine weitere Kritik besteht in der Ablehnung der Differenzierung zwischen „sex“ (biologisches Geschlecht) und „gender“ (soziales Geschlecht), weil diese Trennung auf die Trennung von Körper und Seele beruht, wie sie der französische Philosoph Descartes beschrieb. Diese Trennung mag es nicht geben, aber sie widerlegt nicht die Existenz des sozialen Geschlechts. Das soziale Geschlecht macht künstliche Unterschiede zwischen Frau und Mann, wo eigentlich keine Unterschiede liegen müssten. Ob eine Frau Kleider trägt und die Kinder erzieht oder Hosen anzieht und Karriere macht, hängt davon ab, ob wir ihr die Möglichkeit zu dem Einen oder dem Anderen oder womöglich zu Beidem geben. Was sie naturbedingt evtl. besser oder schlechter kann, spielt dabei erst mal keine Rolle. Entscheidend ist, dass wir selbst mit dem Gedanken der Rollenverteilung – sei er begründet oder unbegründet, sei er sinnvoll oder nicht sinnvoll – Trennungen zwischen den Geschlechtern vollziehen, welche sich zwar immer weiter auflösen, aber abgeschwächt oder in Teilen noch immer Bestand haben.

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