Reines Interesse?

Über den Sinn und Zweck von Geschichte
Es gibt wohl kaum einen Geschichtsstudenten, der nicht schon mehrfach danach gefragt wurde, was er mit seinem Studium später mal anfangen möchte. Die Berufsaussichten scheinen nicht unbedingt die besten zu sein – wenn man nicht gerade auf Lehramt studiert. Oftmals sind die Betroffenen sprachlos und können keine sinnvolle Antwort darauf geben. Persönliches Interesse am Fach dürfte für die wenigsten eine zufriedenstellende Antwort sein.
Wer ein paar Mal auf die Frage hin errötete, legt sich in weiser Voraussicht einige scheinbar gute Argumente zurecht. Eine mittlerweile beliebte Antwort ist die Aussage: “Wir können aus der Geschichte lernen”. Doch was lernen wir?
Häufig wird angeführt, dass wir aus den Fehlern, die in der Vergangenheit begangen wurden, lernen können. Wenn wir heutzutage vor Konflikte gestellt werden, die es auch schon in der Vergangenheit gab, dann schauen wir uns an, wie damals mit ihnen umgegangen wurde. Welche Lösungsversuche haben sich bewährt und welche Fehler wurden begangen, die wir nicht wiederholen sollten? Entsprechend können wir mit Hilfe des Geschichtswissens heutige Krisen verhindern bzw. lösen.

©Lupo/pixelio.de

Doch selbst Historiker widersprechen diesem Argument – obwohl es viele von ihnen selbst anführen. In den Widerspruch werden sie erfolgreich von Kritikern des Geschichtsstudiums geführt, die den Historikern die Frage stellen, warum dann viele Fehler und fragwürdige Handlungen wiederholt werden. Kriege gab es beispielsweise immer wieder und wurden oftmals auch aus den gleichen Gründen geführt. Historiker entgegnen, dass keine Situation der anderen gleicht. Eine oder mehrere Begebenheiten unterscheiden sich von einander, sodass man Ereignisse aus der Vergangenheit nicht auf spätere/heutige Ereignisse übertragen kann. Doch letztlich ist kein Ereignis gleich dem anderen. Keinen Fall kann man 1:1 auf den anderen Fall übertragen. Es scheint also so zu sein, dass wir nicht aus der Geschichte lernen können und die Gefahr besteht, dass wir alte Fehler – trotz des Wissens ums sie – wiederholen.
Man mag nun einwenden, dass diese Schlussfolgerung zu stark sei. Wer z.B. aus dem Geschichtsunterricht gelernt hat, dass im dritten Reich ganze Bevölkerungsgruppen (vor)verurteilt wurden, der hat eben diese Tatsache gelernt. Die Frage ist nur, ob er 1.) auch gelernt hat – und das scheint mir kaum die Aufgabe der Historiker zu sein – dass dies grundsätzlich ein schwerer Fehler ist (und warum) und 2.) Handlungsfolgen aus diesem Wissen ableiten kann, wenn es z.B. heutzutage um die Islam-Thematik geht. Die Geschichte allein kann diese nicht liefern. Der praktische Nutzen von Geschichte scheint also – egal ob die oben genannte Schlussfolgerung stark ist oder nicht – nicht gegeben zu sein.
Das Denken und kritische Hinterfragen an sich scheint die nützlichste Eigenschaft zu sein, die uns von praktischem Nutzen sein kann. Wer beispielsweise die Argumente der Nazis über die jahrhundertealten Traditionen und Tugenden des deutschen Reiches nicht kritisch hinterfragt, wird niemals mit Hilfe der Geschichte herausfinden, dass sie (die Argumente der Nazis) erfunden und zurechtgebogen sind.

©Rainer Sturm/pixelio.de

Die Geschichte kann uns vielleicht sagen, warum ein altes Gesetz eingeführt und wie es legitimiert wurde. Doch das Denken ist nötig, um zu prüfen, ob dieses Gesetz heute noch von Nutzen und legitim ist. Die Reihe von Beispielen ließe sich noch beliebig fortführen.
Sicherlich lassen sich noch weitere gute Gründe für das Studium der Geschichte finden. Neben dem persönlichen Interesse ist der hier Genannte die Tatsache, dass Geschichte das Werkzeug des Verstandes sein kann, mit dessen Hilfe er zu vernünftigen Schlüssen kommt, die Meinungen und Handlungen generieren.
Diese Fähigkeit lässt sich auf mannigfaltige Berufsfelder anwenden und ist dort nützlich. Wer Fakten kennt bzw. lernt, sie zu recherchieren, kann sie sich zur Grundlage des Denk- und damit Lösungs-/Entscheidungsprozesses machen. Ein dicker Pluspunkt bei vielen Personalchefs!