Ich bin nicht queer

Moralische Überheblichkeit
Zurzeit ist wieder CSD-Saison, die ihren Höhepunkt am vergangenen Wochenende mit dem Straßenfest in Köln feierte. Dort gingen wieder tausende von Queers – also Schwule, Bisexuelle, Lesben, Transidente, Pansexuelle und was es sonst so gibt – auf die Straße. Offiziell haben sie dort demonstriert. Faktisch haben sie dort wild gefeiert und mit ihren mehr oder weniger ausgefallenen und sexistischen Outfits ihre sexuellen Vorlieben und Fetische zur Schau gestellt. Provokation statt Demonstration könnte das Motto gewesen sein. Stattdessen lautete es „anders.leben!“, wobei nicht ganz klar wird, was man damit aussagen möchte. Selbst der Veranstalter kann die Frage „[…] was es eigentlich im Kalenderjahr 2016 bedeutet, ‚anders‘ zu leben und zu lieben“[1] nicht beantworten.
Es lässt sich jedoch feststellen, dass man in der queeren Community sehr großen Wert darauf legt, „anders“ zu sein. Dabei schwingt auch immer eine gewisse moralische Überheblichkeit mit – nämlich besser und fortschrittlicher zu sein als der heterosexuelle Rest der Gesellschaft. Dies zeigt sich nicht bloß in Genderfragen, sondern z. B. auch Anfang letzten Jahres, als die queeren Verbände gemeinsam mit den Grünen und Linken gegen Pegida demonstrierten und „Vielfalt statt Einfalt“ forderten. Doch wer war damals einfältig? Waren es wirklich die Pegida-Demonstranten, die das Gefühl hatten, von der Politik und dem Rest der Gesellschaft nicht ernst genommen zu werden? Oder waren es die pseudo-Liberalen und pseudo-Aufgeklärten, die die Ängste und Sorgen der Pegida-Anhänger tatsächlich nicht ernstnahmen und sie als rechtsradikal beschimpften, anstatt sie mit guten Argumenten zu widerlegen? Konnten die selbsternannten Aufgeklärten überhaupt einen sachlichen Dialog führen und Pegida-Anhängern die Sorgen mit Fakten und Argumenten nehmen? Offensichtlich nicht. Das erschreckende Ergebnis dieser Mischung aus Unfähigkeit und moralischer Überheblichkeit ist eine starke AfD, die den alten Parteien langsam aber sicher den Rang abläuft. Die meisten Wähler dieser Partei haben mittlerweile sicherlich rechtes Gedankengut, doch was wurde aus den vielen teils ungebildeten Bürgern mit mehr oder weniger berechtigten Sorgen?

CSD
Eigenes Foto vom CSD 2014 in Köln

Selbsterhaltung nach erreichten Zielen
Auch die gezielte Abgrenzung zur heterosexuellen Mehrheit der Gesellschaft durch die Ablehnung von Heteronormativität, sexistisches Provozieren mit mehr oder weniger perversen Fetischen in aller Öffentlichkeit und politische Forderungen nach Ampelfrauen und einer vermeintlich gendergerechten Sprache dürften eher als Ideologiekampf und weniger als Versuch des friedlichen und auf gegenseitiger Achtung basierenden Zusammenlebens gewertet werden.
Doch was sollte die Queer-Community in Deutschland sonst tun? Rechtlich sind Homosexuelle mit dem Rest der Gesellschaft nahezu gleichgestellt. Lediglich im Adoptionsrecht unterscheidet sich die eingetragene Lebenspartnerschaft noch von der klassischen Ehe. Das Blutspendeverbot für Männer, die Sex mit Männern haben, wird bereits von Seiten der CDU in Frage gestellt.[2] Es schleicht sich der Verdacht ein, dass die Angestellten der Homosexuellenverbände für berufliche Vorteile Selbsterhaltung betreiben (von manchen werden sie deshalb verächtlich als „Berufshomos“ bezeichnet). Die großen Aufgaben, für die es sich zu kämpfen lohnt, haben sie jedenfalls verloren.
Sicherlich gibt es trotz der nahezu vollständigen rechtlichen Gleichstellung in der Bevölkerung noch Vorurteile, Diskriminierung und Vorbehalte gegenüber Homosexualität und anderen queeren Lebensweisen. Doch ob diese Probleme, besonders beim – vorsichtig ausgedrückt – einfachen Volk, durch eine Sprachdiktatur zu lösen sind, ist mehr als zweifelhaft. Gender-Studies kann man mittlerweile an Universitäten studieren. Die Diskurse werden dementsprechend sehr akademisch geführt und sind für einen durchschnittlichen Bürger kaum mehr nachzuvollziehen. Dies stellt keineswegs eine Beleidigung des Durchschnittsbürgers dar, sondern soll die hohe Komplexität des Diskurses verdeutlichen.

Gendergerechte Sprache
Inhaltlich ist dieser Diskurs sehr fragwürdig: Selbst wenn die These stimmen würde, dass wir die Disposition haben, bei der Verwendung des generischen Maskulinums männliche Entitäten verschiedener Art – je nach Kontext – zu assoziieren, liegt damit erstens noch keine Diskriminierung der Frau oder anderer nicht-männlicher Menschen vor (Diskriminierung entsteht m. E. nur durch diskriminierende Handlungen oder Unterlassungen) und wird zweitens damit noch längst nicht die Ursache von Intoleranz bekämpft, wenn man eine gendergerechte Sprache einführt. Verwendet man beispielsweise statt „Arzt“ den ungelenken Begriff „Person im ärztlichen Dienst“[3], so werden einige Menschen je nach psychologischer Disposition weiterhin zuerst an einen Mann denken, anstatt sich eine Frau oder einen geschlechtslosen Menschen vorzustellen. Die Gedanken sind frei – auch wenn man sie mit gendergerechter Sprache zu kontrollieren versuchen will. Selbst wenn man an kein konkretes Geschlecht denkt, wird sich die persönliche Einstellung zu Frauen deshalb nicht ändern. Eine tolerante Erziehung und positive Erfahrungen mit unterschiedlichen Menschen (Männern, Frauen, Homosexuellen, Heterosexuellen, Ausländern, Behinderten etc.) werden wohl eher zum gewünschten Ziel führen als Doktorspiele an der Sprache.

©manwalk/pixelio.de
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Queer und intolerant
Doch wie soll die queere Community als positives Beispiel vorangehen, wenn sie selbst nicht konsequent tolerant ist? Die Verachtung traditioneller heterosexueller Rollenbilder sei an dieser Stelle sogar ausgeklammert. Der Begriff „queer“ steht stellvertretend für die LGBT*-Community – eine Szene, die so bunt wie der Regenbogen ist. Kategorien sieht man hier offiziell nicht so gerne, da sie den Menschen beschränken und Schubladendenken fördern würden. Dies wiederum könne zu Diskriminierung und Engstirnigkeit führen. Doch Diskriminierung ist in der queeren Community Alltag. Oftmals gilt:  Junge wollen mit Alten nichts zu tun haben, zarte Twinks grenzen sich von der kräftigen Chubby- und Bärenszene ab und Jungs, die „heterolike“ aussehen, verachten die Tucken und Transen.
Natürlich gibt es auch die politisch korrekten Vorzeige-Queers, die die gendergerechte Sprache im Schlaf beherrschen und sich selbst sowie andere nicht über Kategorien definieren. Dass mit der kompletten Ablehnung sämtlicher Kategorien die sexuellen Orientierungen und Vorlieben und somit auch die Queer-Bewegung selbst widerlegt wird, scheint dabei nicht sonderlich zu stören – obwohl sie nach der Dekonstruktion sämtlicher Kategorien nichts mehr hat, über das sie sprechen und urteilen kann. Doch selbst wenn man dieses unauflösbare Problem ausklammert, erreichen die Queers, die streng nach der Gendertheorie handeln, das Gegenteil ihres angeblichen Ziels. Der Theologe Dr. Rudolf Vorderholzer analysierte für einen Katholiken überraschend wissenschaftlich:

„Die Gendertheoretiker nützen das Gleichberechtigungsanliegen, um in der Gesellschaft ein Menschenbild einzuführen, das weit über das Anliegen der Gleichberechtigung hinausgeht und letztlich, paradoxerweise, zur Auflösung dessen führt, was geschützt werden soll, nämlich der je eigene Wert des Mannseins und des Frauseins. […] Es geht längst nicht mehr um die Frage nach vermeintlich männlichen oder weiblichen Rollen und Verhaltensmustern. Natürlich können auch Männer Hemden bügeln, Geschirr waschen und Kinder wickeln. Und auch Frauen können Autos einparken, Bundeskanzler werden und Reifen wechseln. Es geht nicht um das vermeintlich „typisch weibliche“ und das vermeintlich „typisch männliche“. Es geht um das Wesentliche. […] Wenn eine Frau ein Kind bekommt, dann sagen wir nicht: typisch Frau, so als bräuchte es nur einen hinreichend emanzipierten Mann, der es ihr gleichtun könnte. Nein, das ist nicht typisch, sondern das ist wesentlich. Und das leibliche Dasein einer Frau, ihr Hormonhaushalt, ihre Körperlichkeit, ist daraufhin ausgerichtet; und bleibt es auch, wenn sie ehelos lebt und kinderlos bleibt […].“[4]

In eigenen Worten und ohne den theologischen Unterbau ausgedrückt: Bestimmte Charakteristika oder sogar Spezifika eines Geschlechts finden sich nicht im anderen Geschlecht wieder. Sie bieten Alleinstellungsmerkmale, die uns dem Geschlecht einen Wert geben lassen. Mit der Dekonstruktion der Geschlechter wird der Wert, dessentwegen wir uns laut der Gendertheorie beliebig für ein anderes Geschlecht entscheiden können/wollen/dürfen, ebenfalls dekonstruiert.

Zweifelhafte moralische Folgen
Auch die Existenz von Transidentität wird folglich negiert – was bei Transidenten wohl auf großen Unmut stoßen dürfte. Die ethischen Folgen der Gendertheorie wären daher kritikwürdig. Der Theologe, Philosoph und Publizist Dr. David Berger stellte die berechtigten Fragen:

„Was hilft es schwulen Männern, wenn man ihnen sagt, dass sie ihr Geschlecht und damit auch ihre sexuelle Orientierung beliebig von Tag zu Tag neu wechseln und bestimmen können? […] Und bietet die Gendertheorie, die Geschlechterrollen und somit auch sexuelle Veranlagung weitestgehend von gesellschaftlichen Konstituenten abhängig macht, nicht genau den ideologischen Boden, den jene Homo-Heiler benötigen […]?“[5]

Ich beantworte diese Frage mit „ja“. Bereits heutzutage versuchen zweifelhafte Ärzte, Homosexuelle umzupolen. Der schwule Panorama-Reporter Christian Deker dokumentierte in einer zweiteiligen Reportage, wie Ärzte offenbar seine sexuelle Orientierung ändern wollten.[6] Mit der These der Gendertheorie, dass Geschlecht und sexuelle Orientierung als soziale Konstrukte dekonstruiert und damit geändert werden können, werden sich die Homo-Heiler sicherlich dankend bestätigt fühlen.

Zusammenfassung
Eine gendergerechte Sprache, Ampelfrauen, Unisex-Umkleiden und Co. sind die politischen Forderungen einer queeren Community, die das Gefühl von moralischer Überlegenheit mit eigener Intoleranz, Überheblichkeit und zweifelhafter Ideologie kombiniert. Was von vielen als nervige Last empfunden wird, soll die Rechte von Menschen erweitern – wäre da nicht die Empirie.

©Wolfgang Dirscherl/pixelio.de
©Wolfgang Dirscherl/pixelio.de

So ist es z. B. stark umstritten, dass eine gendergerechte Sprache wirklich für Gleichberechtigung von Frauen und Männern in den Köpfen der Menschen sorgt. Zum einen fühlt sich kaum eine Frau, die nicht Teil der Queer- oder Genderszene ist, durch unsere Sprache diskriminiert. Die allermeisten Frauen denken sich nicht in eine Opferrolle hinein, sondern fühlen sich trotz einer durch das generische Maskulinum beherrschten Sprache in allen Formulierungen mit inbegriffen. Wer entsprechenden Berichten in den großen Medien in diesem Punkt nicht traut, kann die unterschiedlichsten Frauen draußen auf der Straße gerne selbst dazu befragen. Zum anderen ist unter Philosophen die These umstritten, dass Sprache unser Denken prägt. So sind Menschen, die von Geburt an gehörlos sind und nicht sprechen können, in der Lage zu denken und nonverbal zu kommunizieren. Ihre Vorstellungen von sozialer Männlichkeit und Weiblichkeit sind somit gewiss nicht auf die Dominanz des generischen Maskulinums zurückzuführen.
Man könnte an dieser Stelle noch in aller Ausführlichkeit auf die anderen Forderungen der Gender-Aktivisten eingehen. Allesamt sind sie inhaltlich fragwürdig. Die geforderten Ampelfrauen würden durch ihre weibliche Darstellung die klassische Rollenverteilung unterstreichen, anstatt sie zu dekonstruieren. Unisex-Umkleiden im Schwimmbad würden Menschen diskriminieren, die sich aufgrund religiöser Überzeugungen oder Schamgefühl nicht vor dem anderen Geschlecht entblößen dürfen oder möchten.
Ein Umdenken in den Köpfen der Menschen wird nicht in erster Linie durch eine politisch korrekte Sprache, politisch korrekte Ampeln und politisch korrekte Umkleideräume erzeugt. Toleranz und Gleichberechtigung werden vielmehr durch Vorbilder im Alltag geschaffen. Vorbilder, die einem die Angst vor dem Fremden nehmen, ohne die Ablehnung der eigenen Lebensweise durch Provokation zu verstärken.
Sowohl Erzkonservative als auch Genderaktivisten sollten sich einen Gedanken zu Herzen nehmen: In unserer Gesellschaft sollte sowohl für eine heteronormative als auch für eine queere Lebensweise Platz sein – aber nur solange man der jeweils anderen Lebensweise mit Respekt auf Augenhöhe begegnet und ihr im Zuge der eigenen Entfaltung nicht die Luft zum Atmen nimmt. Den Respekt vor anderen Sichtweisen und die Bereitschaft, mit dem Rest der Gesellschaft friedlich zusammenzuleben, kann ich bei vielen Gender- und Queer-Aktivisten nicht erkennen. Deshalb zähle ich mich als schwuler Mann nicht zur queeren Community und distanziere mich deutlich von ihr: ich bin nicht queer.

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[1] http://www.colognepride.de/colognepride-2016/motto/ [Abgerufen am 09.07.2016]
[2] http://www.derwesten.de/politik/groehe-offen-fuer-lockerungen-bei-blutspende-aimp-id11936111.html [Abgerufen am 09.07.2016]
[3] http://geschicktgendern.de/ [Abgerufen am 09.07.2016]
[4] http://www.bistum-regensburg.de/news/gender-light-gibt-es-nicht-der-begriff-ist-das-einfallstor-fuer-mit-dem-christlichen-glauben-nicht-vereinbare-positionen-4149/ [Abgerufen am 02.07.2016]
[5] https://philosophia-perennis.com/2016/06/28/news-roth/ [Abgerufen am 09.07.2016]
[6] http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/panorama_die_reporter/Wie-Homosexuelle-zu-Kranken-gemacht-werden,schwule103.html [Abgerufen am 09.07.2016]